Poetry Slam
Das gesprochene Wort
Sie brauchen kaum mehr als eine Bühne, ein Mikrofon und den richtigen Rhythmus. Denn wenn Worte Klang, Tempo und Haltung bekommen, entstehen Bilder im Kopf – mal leise und poetisch, mal scharf beobachtet, mal herrlich absurd. Manchmal genügt ein Satz, um ein Publikum zum Lachen zu bringen. Und das passiert in Bielefeld an erstaunlich vielen Orten. Vom Bunker über den Hörsaal bis zur Wissenswerkstadt. Obwohl die Ostwestfalen als wortkarg gelten, hat das gesprochene Wort in Bielefeld eine ebenso lange wie vielfältige Tradition. Wir stellen drei Bielefelder Wortakrobat:innen vor.
Reim und Rhythmus / Felicitas Friedrich
„Bühnenpoetin“: Diesen Begriff findet sie am schönsten. „Er lässt genug Spielraum für Interpretation“, sagt Felicitas Friedrich. „Ich bin eher ein Lyrik- als ein Prosa-Kind. Bei Prosa kann man einfach alles unreflektiert rauslassen. Bei Lyrik müssen die Gefühle verarbeitet sein, um sie in eine Form zu bringen.“

Wie genau sie ihre Texte live auf der Bühne vorträgt, hat sie sich einerseits von Kolleg:innen abgeguckt. Ein großer Einfluss kommt zudem von der Musik. „Deutsch-Rap zu hören, hat mich sehr geprägt“, so die 33-Jährige. Wer sich etwa auf YouTube ihren Auftritt zum Thema „Heimat“ anschaut, spürt den Flow. Reim und Rhythmus zeichnen sie aus. „Ich habe schon als Jugendliche viel geschrieben. Hauptsächlich, um emotionale Themen zu verarbeiten. Als ich dann etwas über Poetry Slams gelesen haben, dachte ich, das wäre wie Rap und man darf auf der Bühne Schimpfwörter sagen“, lacht die Wahl-Bielefelderin. Dass mehr dahintersteckt, merkte die Theater- und Literaturwissenschaftlerin zu Beginn ihres Studiums in Bochum. Gleich in der Ersti-Woche lernte sie eine Kommilitonin kennen, die sie zu Literaturzirkeln brachte, bei denen Texte auch live vorgetragen wurden. „Meine Leidenschaft für die Bühne und fürs Schreiben habe ich vorher nie zusammengebracht. Es war aufregend das zu tun, ein richtiges Ereignis.“
Ihr Auftritt beim Campus Poetry Slam in Bochum 2013 war der Einstieg in die Szene. „Es hat aber lange gedauert, bis ich mal gewonnen habe. Das war damals wichtig fürs Prestige“, so Felicitas Friedrich. Schließlich steckt hinter dem Format Poetry Slam ja gerade der Wettbewerbscharakter, die Idee, sich mit anderen zu messen. Genau das hat sie mit Anfang 20 unermüdlich getan. Teilweise mit 15 Slams in 14 Tagen. Ein Pensum, das die deutlich heruntergefahren hat. Zum einen fehlt die Zeit – neben ihrem Job, für den sie 2021 nach Bielefeld gekommen ist, studiert Felicitas Friedrich Gender Studies. Zum anderen, weil sie nicht mehr so furchtlos ist. „Auf die Bühne zu gehen, ist mir früher leichter gefallen als jetzt. Ich behandle die Bühne mit mehr Respekt, bin vorsichtiger geworden, bereite mich vor und nehme meine Chance ernster. Und ich schreibe auch mal wieder gerne im stillen Kämmerlein.“
Unverändert ist ihr Wunsch, Menschen mit ihren Texten zu erreichen – ob auf der Bühne oder über Veröffentlichungen in Anthologien. „Es ist sehr emotional und wertvoll für mich, Menschen etwas mitzugeben, vielleicht zum Nachdenken anzuregen und etwas anzustoßen.“ Ihre Texte handeln vom Leben an sich, von Beobachtungen im Alltag, mentaler Gesundheit, Körpergefühl, Inklusion und davon, wie man besser zu sich selbst und anderen sein kann. „Dahinter steckt ein bisschen Gesellschaftskritik. Das Persönliche ist politisch. Was Menschen bewegt, bewegt auch die Gesellschaft“, so die Bühnenpoetin. Auch ihre eigene körperliche Behinderung thematisiert sie. „Das ist vielleicht mein Unique Selling Point“, scherzt Felicitas Friedrich.
So wie sie selbst hat sich auch die Szene verändert. „Sie hat sich professionalisiert, was Vor- und Nachteile hat. Heute gibt es eine Gage und Menschen, die davon leben können. Aber die Scheu, sich auszuprobieren, mal was Funkiges zu wagen, ist größer geworden.“ Was ihr gefällt, ist die zunehmende Diversität. „Vor zehn Jahren war ich gar nicht mal so selten die einzige Frau im Line-up, das hat sich geändert. Und mehr Menschen mit Migrationshintergrund sowie alle Altersgruppen stehen auf der Bühne, das finde ich sehr schön.“ Positiv überrascht blickt Felicitas auf ihre Wahlheimat: „Ich bin verwöhnt vom Ruhrgebiet, aber beeindruckt, was in Bielefeld und im Umland in Sachen Poetry Slam alles geht.“
Live zu erleben am 16.10.2026 um 19:00 Uhr bei „Heins reimt“ bei Heins im H1
Instagram: @felilly.s.pacifica
Zwischentöne / Niko Sioulis
Für Niko Sioulis beginnt fast alles mit einer guten Idee. Manchmal ist es nur ein Satz, manchmal ein ungewöhnliches Sprachbild oder sogar eine Minute Stille. Seit fast 15 Jahren macht der Bielefelder daraus Poetry Slams – und schafft zugleich Bühnen, auf denen andere ihre eigene Stimme entdecken.
Dabei hat alles zufällig begonnen. Ein Freund nahm ihn 2011 mit zu einem Poetry Slam. „Wir haben direkt gedacht: Da wollen wir auch unbedingt mal auftreten“, erinnert sich Niko Sioulis. Zwei Jahre später stand er nicht nur als Slammer auf der Bühne, sondern organisierte bereits erste eigene Veranstaltungen. Längst ist Poetry Slam für ihn Beruf und Berufung.

Wer ihm zuhört, spürt schnell: Es geht ihm nie nur um Texte. Es geht um das, was Worte auslösen können. Um den Moment, wenn ein Publikum innehält, lacht oder plötzlich ganz still wird. Genau mit dieser Stille hat der Bielefelder schon experimentiert. Über mehrere Passagen seines Textes verteilt, hat er mehr als eine Minute Schweigen integriert. „Weil ich die Idee von Stille auf einer Sprachbühne einfach interessant fand“, erzählt Niko Sioulis, den die Reaktionen des Publikums interessieren. Die Frage für ihn ist: Ab wann werden die Menschen nervös? Mittlerweile reicht ihm ein Blick auf die Zuhörenden, um zu entscheiden, ob er mit dem Text fortfährt. „Ganz am Anfang habe ich die Sekunden noch gezählt“, verrät er.
Seine Ideen entstehen selten am Schreibtisch. Oft sind es Formulierungen oder Sprachbilder, die einen Impuls setzen, ein Thema anstoßen. Aber erst wenn Anfang und Ende einer Idee feststehen, beginnt für ihn die eigentliche Textarbeit, das Schreiben. „Der Anspruch ist immer, dass ein Text genau das macht, was du von ihm möchtest“, beschreibt er seinen kreativen Prozess. Mal schreibt er über Träume, die im Alltag verlorengehen, mal über gesellschaftliche Erwartungen oder persönliche Beobachtungen. Immer wieder reizt es ihn, neue Formen auszuprobieren. Zeit für eigene Texte bleibt ihm inzwischen allerdings seltener. Während er früher bis zu 20-mal im Monat selbst auftrat, füllen heute Organisation, Moderationen und Workshops seinen Kalender. Als Vorstandsvorsitzender von Slam OWL e.V. organisiert und moderiert Niko Sioulis gemeinsam mit seinem Team zahlreiche Veranstaltungsformate in der Region. Ob beim Bunkerslam im Bunker Ulmenwall, auf der Lesebühne im Heimat + Hafen oder bei Poetry Slams in Gütersloh, Herford, Oelde oder Detmold – der 31-Jährige prägt auch als Veranstalter die Poetry-Slam-Szene in OWL. Dazu zählen inzwischen auch neue Formate wie Powerpoint-Karaoke in Muttis Bierstube, der Erotik-Slam oder das Livemusikformat Jukebox, mit denen er weiteren KünstlerInnen eine Bühne eröffnet. Die Bühne ist dabei oft ein Sprungbrett. „Einige Poetry-Slammer finden später ihren Weg in Comedy, Kabarett oder Satire“, erzählt er.
Mindestens genauso wichtig wie die Veranstaltungen ist ihm die Nachwuchsarbeit. Seit vielen Jahren gibt Niko Sioulis Workshops an Schulen und leitet Schreibwerkstätten. Vor allem aber schafft er mit offenen Bühnen Orte, an denen Menschen zum ersten Mal vor Publikum ihre eigenen Texte lesen. Seit 2014 richtet Slam OWL zudem die U20 OWL-Meisterschaften im Poetry Slam aus. Die GewinnerInnen qualifizieren sich damit für die U20 NRW-Meisterschaften und erhalten gleichzeitig einen Startplatz bei den deutschsprachigen U20-Meisterschaften. Für manche wird genau dieser Abend zum Wendepunkt. „Ich erinnere mich, dass jemand sich durch die positive Erfahrung auf der Bühne sogar getraut hat, seinen ersten Roman zu veröffentlichen“, erzählt er. Nicht der Wettbewerb ist für ihn entscheidend, sondern das Vertrauen in die eigenen Worte – und der Mut, sie mit anderen zu teilen.
Dass Poetry Slam ein Format für alle Altersgruppen ist, erlebt Niko Sioulis immer wieder. Es stehen Menschen zwischen 16 und 75 Jahren auf der Bühne. Vor allem aber gehört die Bühne nicht nur den Lauten oder besonders Erfahrenen. Sie gehört allen, die etwas zu erzählen haben. „Diese Bühne gibt Menschen die Möglichkeit, sich auszuprobieren und auszuleben. Manche schreiben über Krisen. Andere merken: Wir brauchen auch etwas zu lachen, weil zu viel im Kopf weh tut“, unterstreicht Niko Sioulis. Unterschiedliche Perspektiven treffen aufeinander, persönliche Geschichten wechseln sich mit politischen Texten und humorvollen Beobachtungen ab. Gerade diese Vielfalt macht für ihn den Reiz aus.
Für Niko Sioulis ist etwas ganz besonders entscheidend: dass Menschen den Mut finden, ihre Geschichten zu erzählen und damit andere zu berühren. Genau darin liegt für ihn die eigentliche Kraft des Poetry Slams: in Worten, den Zwischentönen und manchmal auch in der Stille.
www.slam-owl.de
Meine Fehler mache ich immer noch selber / Sasha Brohm
„Mondo Brohmo 10“ klingt nach großem Bühnenjubiläum. Tatsächlich steht die Zehn nicht für die Zahl der Jahre, sondern für die zehnte Ausgabe von Sacha Brohms epischer Leseshow. Ein bisschen Etikettenschwindel? „Da bin ich wie ein Baumarkt“, sagt er und lächelt verschmitzt. „Für jede Show brauche ich etwas Griffiges – ein Jubiläum oder irgendetwas anderes, damit der Titel sofort interessant ist.“

Genau dieses Augenzwinkern zieht sich durch sein gesamtes Werk. Seit fast 25 Jahren beobachtet der Bielefelder Autor die kleinen und großen Absurditäten des Alltags. Er überzeichnet, übertreibt, führt Gedanken konsequent zu Ende und landet dabei oft dort, wo das Komische etwas sehr Wahres über die Menschen erzählt. Als sein Programm 2018 „Der Dino kehrt zurück“ hieß, war das bereits eine treffende Beschreibung. Heute gilt sie mehr denn je. Denn Sacha Brohm hält mittlerweile als beinah einzig verbliebener Lesebühnen-Autor in Bielefeld die Fackel das Genres hoch.
Für „Mondo Brohmo 10“ schreibt er sämtliche Texte neu. Mal sind sie nur wenige Zeilen lang, mal entwickeln sie sich zu ausufernden Gedankenspielen oder listenartigen Sprachkaskaden. Häufig nimmt er dabei vor allem seine eigenen Schwächen aufs Korn. „Man kann mich nicht treffen“, sagt er trocken. „Das mache ich selbst.“
Seine Themen findet Sacha Brohm nicht in den Schlagzeilen, sondern im Zeitgeist. Er schreibt über das Älterwerden, den Selbstoptimierungswahn oder die merkwürdigen Rituale des modernen Lebens. Parteipolitik lässt er außen vor. „Ich habe schwule Themen in meinen Texten – das ist politisch. Aber ich bin kein guter politischer Analyst. Ich würde an der Oberfläche bleiben und dafür sind die Themen zu wichtig.“
Aus alltäglichen Beobachtungen entwickelt er absurde Gedankenspiele, die immer weiter eskalieren. Dabei zählt jedes Wort. Denn Sacha Brohm schreibt für Zuhörende. Während des Schreibens liest er seine Texte laut mit. Rhythmus, Klang und Melodie sind für ihn genauso wichtig wie der Inhalt. Manchmal scheitert ein ganzer Absatz an einem einzigen Wort, das einfach nicht richtig sitzt. Erst wenn der Satz auch akustisch funktioniert, ist er fertig. Vielleicht überrascht es deshalb nicht, dass der Autor auch zuweilen Musik macht – am Schlagzeug gibt er den Takt vor.
Seine Arbeitsweise wirkt angenehm analog. Die ersten Ideen entstehen meist handschriftlich, anschließend werden sie abgetippt, ausgedruckt und immer wieder überarbeitet. Pfeile verbinden Absätze, Formulierungen werden gestrichen, ergänzt und verschoben. Besonders wichtig ist ihm der Einstieg. „Wenn der erste Satz oder der erste Absatz steht, schreibe ich den Rest meistens mühelos herunter.“
Montagstexte
Auch einer künstlichen Intelligenz überlässt er das Schreiben nicht. Nicht aus Prinzip, sondern aus Freude am eigenen Handwerk. „Lieber hundert schlechte eigene Texte als künstlich generierte. Meine Fehler mache ich immer noch selber.“ Wer eine Lesung von Sacha Brohm besucht, sollte Zeit mitbringen. Drei Stunden sind keine Seltenheit. Der erste Text steht fest, vielleicht noch zwei oder drei weitere. Alles andere entwickelt sich im Laufe des Abends. Rund hundert ausgedruckte Texte liegen griffbereit in einer prall gefüllten Mappe. Welche davon auf die Bühne kommen, entscheidet unwissentlich das Publikum. Der Autor hört genau hin, nimmt Stimmungen auf und baut seinen Abend daraus zusammen. Lampenfieber kennt er nicht. „Hätte ich Bühnenangst, würde ich das nicht machen“, sagt er. „Der Text steht da, und ich lese ihn vor. Im Ablesen bin ich gut. Frei reden würde mir deutlich schwerer fallen.“
Der gebürtige Lingener kam zum Studium der Literaturwissenschaft und Germanistik nach Bielefeld. Lernte dort schnell die Menschen kennen, mit denen er im Frühjahr 2002 die erste Lesebühne mit dem Titel „Zirkeltraining“ gründete: Andreas Beune, Jens Kirschneck und Matthias Schönebäumer, später kam noch Volker Backes hinzu. Nach dem Ende von „Zirkeltraining“ veranstaltete Sacha Brohm mit Volker Backes und Stefanie Schröder bis zu ihrer Auflösung 2010 Lesungen der Lesebühne „Sitzen 73“.
Durch seinen Brotjob als Briefzusteller bei der Post hat er Bielefeld nochmal neu kennengelernt. Einen „schönen Nebeneffekt“ nennt er das. Allerdings gehören auch die Hunde zum Job – das ist weniger schön. An seinen freien Tagen schreibt er, dabei gehört dem Wochenbeginn ein fester Platz. „Seit 2019 versuche ich, jeden Montag einen Text zu schreiben.“ Betitelt wird dieser ganz schnörkellos mit Montagstext plus Datum. Dass die Lesebühnenkultur in Bielefeld wieder stärker sichtbar wird, ist ihm ein echtes Anliegen. „Ich möchte nicht jetzt mit 50 sagen: Das war’s.“
Live zu erleben am 17.10.2026 um 20:00 Uhr im Lichtwerk Bielefeld
3 Fragen an : Thomas „Schmitti“ Milse
Seit 2008, mit mittlerweile 31 Ausgaben, gibt es die „Poetry All Stars“: Was war die Idee dahinter?
Die gemeinsame Idee hatten wir als Trio, bestehend aus den beiden damaligen Bielefelder Slammern Misha Verollet, Markus Freise und mir. Wir wollten, dass sich auf der Bühne die deutschlandweit Besten der Besten, also Deutsche- und Landesmeister sowie Finalisten der Poetry Slam-Szene messen. Ein Format, das später viele Nachahmer fand. Noch immer sind wir Drei sehr stolz darauf, damit einen Grundstein gelegt zu haben, um Poetry Slam einer breiteren kulturell interessierten Zuschauermasse bekannt zu machen und diese Kunstform somit gefördert zu haben.

Wie hat sich die Szene seitdem verändert?
Ich versuche dafür mal die richtigen Worte zu finden, obwohl es mir schwerfällt, genau wie auch einigen Künstlerinnen und Künstlern. Sagen wir, die frühere Leichtigkeit ist teilweise verloren gegangen, die Texte sind politischer, eigens zensiert und somit dem „korrekten Zeitgeist“ angepasst.
Wer hat Dich in all den Jahren auf der Bühne am meisten begeistert?
Bezugnehmend zur vorherigen Antwort, der zweimalige Teilnehmer und auch „Poetry All Star“ Titelträger Felix Lobrecht. Ihm habe ich damals schon angemerkt, dass er sich nicht verbiegen lässt und seinen künstlerischen Weg gehen wird. Auch heute noch direkt, unangepasst und positiv provokant!
Wie erklärst Du Dir, dass Poetry Slams immer noch so angesagt sind?
Poetry Slam ist immer noch eine tolle Möglichkeit sein eigenes, aber auch ein Sprachrohr für andere zu sein, die sich im Text wiederfinden. Besonders die Bandbreite aus Kabarett, Comedy, Lyrik oder Reimen zeigt, das Poetry Slam weiterhin kulturell unverzichtbar ist!



