kultur im dialog

„WIR MÜSSEN REDEN!“ EIN SATZ, DER FLUCHTREFLEXE AUSLÖSEN KANN. DOCH IM KONTEXT VON KULTUR IST ER EINE EINLADUNG, DER VIELE MENSCHEN GERNE FOLGEN. SICH ÜBER KUNST ODER KONZERTE AUSZUTAUSCHEN, KANN EBENSO UNTERHALTSAM WIE ERHELLEND SEIN. KEIN WUNDER, DASS ES IN BIELEFELD EINIGE FORMATE GIBT, DIE DAS GESPRÄCH SUCHEN. WIR STELLEN ZWEI DAVON VOR.

Christiane Heuwinkel

KUNSTFORUM HERMANN STENNER
Gemischtes Doppel

„KUNST IST KOMMUNIKATION.“ DIESEN SATZ HAT CHRISTIANE HEUWINKEL DEM FORMAT VORANGESTELLT – UND SIE NIMMT IHN WÖRTLICH. SEIT DAS „GEMISCHTE DOPPEL“ IM APRIL 2021 ZUR AUSSTELLUNG VON HANS PURRMANN AN DEN START GEGANGEN IST, LÄDT DIE MUSEUMSDIREKTORIN REGELMÄSSIG GÄSTE INS KUNSTFORUM HERMANN STENNER. IM VERGLEICH ZUR KLASSISCHEN FÜHRUNG BRINGEN DIESE KUNSTGESPRÄCHE EIN EXTRA MIT: DEN PERSPEKTIVWECHSEL.

Wie gut das funktioniert, hat Christiane Heuwinkel zum Beispiel beim Besuch von David Riedel vom Museum Peter August Böckstiegel gemerkt. „Wir haben Ping-Pong-mäßig Argumente ausgetauscht und uns eingeschwungen“, lacht die Bielefelderin. „Das gemischte Doppel führt eine Stellvertreterdiskussion für verschiedene Sichtweisen im Publikum.“

Zu Beginn kamen ihre Gäste aus der Nachbarschaft. Mal konkret räumlich, mal in Bezug auf den Kunst-Kontext. Angefangen bei Dr. Henrike Mund, Sammlungsleiterin der Kunsthalle, über Nadine Droste vom Kunstverein
bis zu Dr. Holger Kempkens. „Der Leiter des Diözesanmuseums Paderborn ist Fachmann für religiöse Kunst und es gab bei Purrmann Stillleben, die mit religiösen Motiven zusammenhängen.“ Nach und nach hat Christiane Heuwinkel den Zirkel der Gäste über den Kunstbereich hinaus ausgeweitet und zum Beispiel den Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Braungart zur Ausstellung von Wenzel Hablik eingeladen. Generell schaut die Gastgeberin nach Anknüpfungspunkten; überlegt, wer mit dem Thema oder einem bestimmten Werk der jeweiligen Ausstellung etwas anfangen könnte. „Alexander Camaro, der selbst vom Theater kam und Geige spielte, passte zum Beispiel zu Christiane Pfitzner von den Theater- und Konzertfreunden sowie zum Musiker Karl Godejohann.“ Manchmal denkt die Museumsdirektorin aber auch in eine bestimmte Richtung, und der Gast schlägt eine ganz andere ein. Bei Michael Heicks hätte sie erwartet, dass ihn Camaros Gemäldezyklus „Das hölzerne Theater“ anspricht. Mehr als der direkte Bezug zum Theater interessierte ihn aber der zu seiner eigenen Person als Intendant. So wie der Maler auch Hochseilartist, Ausdruckstänzer und Musiker war, ist der Theaterleiter in allen Sparten der Städtischen Bühnen zuhause. „Die Parallele hat Michael Heicks gesehen und davon erzählt, was es für ihn bedeutet, Intendant zu sein. Man erfährt viel Persönliches über die Menschen und ihren Zugang zu ihrer Arbeit“, resümiert Christiane Heuwinkel.

Nicht nur für das Publikum ist es spannend, welchen Zugang zur bildenden Kunst Menschen aus anderen Bereichen haben. „Das ist der heimliche Trick“, verrät die Museumsdirektorin. „Durch die anderen Sichtweisen erfahre ich selbst unglaublich viel darüber, wie Bilder wirken. Gerade wenn wir nicht übereinstimmen, ist das für mich extrem lehrreich.“ Besonders freut es sie, wenn das Publikum mit einsteigt und sich eine breite Diskussion entwickelt. „Mein Ideal ist es, wenn aus dem Dialog ein ‚Pluralog‘ wird.“ http://www.kunstforum-hermann-stenner.de

THEATER BIELEFELD
Dem Ingo wird die Oper erklärt

OHNE DIESE REIHE IM LOFT WÄRE INGO BÖRCHERS WOHL NICHT SO HÄUFIG IN DER OPER ZU GAST. BEVOR DAS FORMAT 2014 AN DEN START GEGANGEN IST, HAT DER KABARETTIST NÄMLICH DURCHAUS MIT DEM GENRE GEFREMDELT. EINE HALTUNG, DIE SICH VERÄNDERT HAT, SEIT IHM REGELMÄSSIG VOR PUBLIKUM DIE OPER ERKLÄRT WIRD. ÜBRIGENS AUF ANREGUNG VON REGISSEUR THOMAS WINTER, DER DEM ABEND AUCH SEINEN HÜBSCH OSTWESTFÄLISCH ANMUTENDEN NAMEN GEGEBEN HAT.

Ingo Börchers

Damals war ich mehr oder weniger OpernNovize“, erinnert sich Ingo Börchers. „Natürlich kannte ich die ‚Zauberflöte‘ und war als Kind in Humperdincks ‚Hänsel und Gretel‘, aber das waren nur Ausflüge. Ich hatte lange Zeit Berührungsängste und mir fehlte der Schlüssel dazu. Ich bin gerne ins Schauspiel gegangen und habe gedacht: Wenn diese Geschichten erzählt werden können, warum müssen sie dann gesungen werden?“ Vom ersten Abend der Reihe kann der Bielefelder noch ein Liedchen singen: „Es ging um ‚Madame Butterfly‘. Ich hatte große Angst vor meinem Unwissen, obwohl es ja ausdrücklich die Verabredung war, dass ich törichte Frage stellen darf.“

Längst ist er entspannter und hofft, auch andere Menschen zur Oper zu verführen. Ihnen die Schwellenangst zu nehmen und nicht zuletzt durch den humorvollen Ansatz der Reihe Verbündete zu gewinnen. „Früher habe ich gedacht: Das muss mir zusagen und falls nicht, bin ich dem nicht gewachsen. Aber natürlich haben wir alle das Recht, am Ende etwas nicht zu mögen oder langweilig zu finden. Mittlerweile bin ich selbstbewusster geworden und sehe die Oper auch als eine Unterhaltungsform, der man nicht akademisch begegnen muss.“

Übung macht halt den Meister(sänger), schließlich schaut sich Ingo Börchers jedes Stück an, bevor er es sich – und dem Publikum – von den jeweiligen Musikdramaturg*innen des Theater Bielefeld oder einem Mitglied des Regieteams erklären lässt. Musikalische Kostproben, etwa eine Schlüsselarie, inklusive. „Dann wird es ein bisschen wie ‚Die Sendung mit der Maus‘ für Erwachsene“, lacht der Kabarettist. „Ich sage schon einmal: Da wollen wir noch mal reinhören, einen Satz wiederholen.“

Dass der Bielefelder mit jeder Oper mehr gelernt hat, ist Fluch und Segen zugleich. „Ich muss mittlerweile aufpassen, dass ich mir meine Blauäugigkeit und Naivität bewahre, denn es ist schließlich auch ein satirisches Format.“ Wie gut, dass immer noch viele Fragen offen und längst nicht alle Vorbehalte ausgeräumt sind. „Vor Wagner habe ich mich ein bisschen gefürchtet. Ganz nach dem Motto: Die Oper beginnt um acht. Nach einer Stunde schaut man auf die Uhr und es ist erst fünf nach acht“, scherzt Ingo Börchers. „Ich habe mich zu dem Satz hinreißen lassen: Wagners Musik scheint besser zu sein, als sie klingt.“

Ganz ernsthaft rät er dazu, auch sperrigeren Stücken eine Chance zu geben. „Ein gutes Beispiel aus der letzten Spielzeit ist ‚Berlin, Alexanderplatz‘. Das ist sicherlich nicht die Oper für den Einstieg, aber durch die Gespräche habe ich gelernt, dass es viele Wege gibt, sich dem zu nähern.“ Sein Tipp: „Einfach neugierig bleiben; es lohnt sich!“

Auch in der Spielzeit 2023/24 wird dem Ingo die Oper erklärt. Die konkreten Termine standen bei Redaktionsschluss noch nicht fest.
Infos auf www.theater-bielefeld.de & www.ingoboerchers.de

Text: Stefanie Gomoll
Fotos: deteringdesign/Bielefeld, Jan Merlin Friedrich

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