KRIMI-FRAUEN

MÖRDERISCHES BIELEFELD

INSGESAMT 23.213 STRAFTATEN GAB ES LAUT POLIZEILICHER KRIMINALSTATISTIK 2020 IN BIELEFELD, DAS SICH DAMIT UNTER DIE ZEHN SICHERSTEN STÄDTE DEUTSCHLANDS REIHT. AUF DEN VORDEREN RÄNGEN LIEGT BIELEFELD AUCH IN SACHEN KRIMINALLITERATUR. WIR STELLEN DREI GANZ UNTERSCHIEDLICHE AUTORINNEN VOR, DIE EINES VERBINDET: DIE WAHLHEIMAT BIELEFELD.

Mechtild Borrmann

WENN MAN MIT MECHTILD BORRMANN UNTERWEGS IST, KOMMT MAN SCHNELL INS PHILOSOPHIEREN, ÜBER DEN ZUSTAND DES PLANETEN UND DER WELT IM ALLGEMEINEN. „SCHLIESSLICH HAT DER MENSCH DEN MENSCHEN ALS THEMA“, SAGT DIE MEHRFACH AUSGEZEICHNETE BIELEFELDER SCHRIFTSTELLERIN.„SPANNEND IST, WIE WIR ENTSCHEIDUNGEN TREFFEN.“

Darum geht es in ihrem neuen Buch „Glück hat einen langsamen Takt“ – eine Sammlung von 20 Erzählungen. Mit feinen Pinselstrichen entwirft Mechtild Borrmann auf nur 10 bis 15 Seiten immer wieder neue Lebenswelten. Eine Welt, in der Menschen Fehler machen, Rache üben, emotionale Ausnahmezustände oder Glück erfahren. „Das Schreiben von Kurzgeschichten ist ein gutes Training für Romane“, sagt sie. „Auf wenig Platz muss sich eine große Geschichte entfalten. Daran sitze ich oft eine Ewigkeit. Das ist wie bei einer guten Sauce, das habe ich von meiner Mutter gelernt. Da heißt es reduzieren, reduzieren, reduzieren.“ Das bedeutet langes Köcheln bzw. akribisches Feilen am Text, der eigentlich nie fertig ist. „Ich finde immer etwas, das ich überarbeiten könnte.“ Selbst bei Lesungen denkt sie: „Das würde ich jetzt anders schreiben.“

Wir erreichen eine Bank am Fuße des Teutoburger Walds mit Blick über die Stadt. „Hier gehe ich sehr gern frühmorgens hin und betrachte den Sonnenaufgang.“ Ein Stück heile Welt, bevor sie wieder in die oft zerrissene Seelenwelt ihrer Figuren eintaucht. „Wenn es mir gelingt, dass der Leser Verständnis für alle Figuren einer Geschichte hat, dann ist es gut. Denn für alles gibt es ein Motiv.“

Neben einigen Erzählungen hat Mechtild Borrmann bislang acht (Kriminal-)Romane geschrieben – meist im Abstand von zwei Jahren, seit sie 2006 mit „Wenn das Herz im Kopf schlägt“ debütierte; da war sie noch Betreiberin des Restaurants „Zum Raben“ in der Bielefelder Altstadt. Zuvor arbeitete sie als Erzieherin, Gestalttherapeutin, bei einer Drogenberatungsstelle und in Bethel mit anfallskranken Kindern.

VOM EIGENLEBEN DER FIGUREN

Auf Korsika begann sie 1994 mit dem Schreiben. „Ich wollte einen Schlussstrich unter die Sozialarbeit setzen, hatte aber noch keine Idee, was ich machen wollte.“ In einem Ferienhaus am Meer, das sie für eine Bekannte „hütete“, fand sie ohne Radio, Fernsehen und mit einem Lebensmittelladen in sieben Kilometer Entfernung eine „unglaubliche Langsamkeit“. Eine bereichernde Zeit, in der sie viel las und mit Tagebuchaufzeichnungen und kleinen Geschichten begann. Zurück in Bielefeld – nach eineinhalb Jahren – nahm sie an Wettbewerben für Kurzgeschichten teil. Und gewann erste Preise.

Wenn es mir gelingt, dass der Leser Verständnis für alle Figuren einer Geschichte hat, dann ist es gut. Denn für alles gibt es ein Motiv.“

Mit „Wer das Schweigen bricht“ – ihr viertes Werk – schrieb sie einen Bestseller, der 2012 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde. Für den „Geiger“ wurde Mechtild Borrmann als erste deutsche Autorin mit dem renommierten französischen Publikumspreis „Grand Prix des Lectrices“ der Zeitschrift Elle ausgezeichnet. Übersetzt wurden ihre Bücher in insgesamt 12 Sprachen – u. a. ins Japanische. Für ihre Geschichten geht sie in die Tiefe, recherchiert vor Ort und verbringt Wochen in Archiven.

Aber wo ist der Ausgangspunkt? „Bevor ich einen Roman schreibe, muss ich mir ein Konzept überlegen. Ich muss das Gefühl haben, dass ich weiß, wohin ich mit der Geschichte will, um überhaupt anfangen zu können. Meist bleibt jedoch von der Ursprungsidee nichts übrig. Aber dann wird es ein gutes Buch“, lacht die 61-Jährige. Das bedeutet auch, dass bereits entwickelte Figuren im Schreibprozess überflüssig werden. „Manche davon gehen mir allerdings nicht mehr aus dem Kopf. Und irgendwann klopfen sie wieder an und fordern ihre eigene Geschichte“, sagt die Schriftstellerin, die viel Sinn für Humor hat. Einige dieser Figuren haben ihr Zuhause in den neuen Erzählungen gefunden. Allerdings ist es noch nie vorgekommen, dass Mechtild Borrmann sie für den nächsten Roman verwendet hat. Apropos: Der nächste Roman trägt den Titel „Feldpost“ und erscheint im Herbst 2022.

Christiane Antons

SIE KOMMT VON HIER WECH. SEIT 2015 LEBT SIE NACH STATIONEN IM RUHRGEBIET UND KÖLN WIEDER IN OSTWESTFALEN. UND FÜHLT SICH IN DER ALTEN HEIMAT WOHL. CHRISTIANE ANTONS HAT IN BIELEFELD DAS LICHT DER WELT ERBLICKT, STUDIERTE AN DER UNI BIELEFELD ALLGEMEINE UND VERGLEICHENDE LITERATURWISSENSCHAFT, ANGLISTIK UND GESCHICHTE UND GRÜNDETE HIER IHRE FAMILIE. OSTWESTFALENS METROPOLE IST AUCH SCHAUPLATZ IHRER BEIDEN BISHER ERSCHIENENEN KRIMIS. AUF „YASEMINS KIOSK – ZWEI KAFFEE UND EINE LEICHE“ FOLGTE „EINE BUNTE TÜTE VOLLER LÜGEN“. COSY CRIMES MIT HERZ, WITZ UND CHARME.

Wann haben Sie Ihren ersten Krimi gelesen?

Das müsste von Henning Mankell „Faithless Killers“ gewesen sein. Warum einen schwedischen Autor auf Englisch lesen? Weil mir kurz zuvor jemand seine Krimis empfohlen hatte und ich noch Lesestoff für meinen einmonatigen Aufenthalt in Winchester brauchte. Dort habe ich 2001 eine Sprachschule besucht, um mein Englisch zu verbessern. Wow! Ich merke gerade, dass das genau zwanzig Jahre her ist. Die Zeit rast …

Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Bei meinem ersten Krimi hat mich ein Zeitungsartikel zu einem Handlungsstrang inspiriert. Beim zweiten Fall war es ausschließlich meine Fantasie. Recherche gehört zum Schreiben dazu, sie kommt dann, wenn ich meinen Plot grob fertiggestellt habe. Die Recherche kann auch dazu führen, dass sich am Text oder Plot nochmal etwas ändert – weil ich Infos bekommen habe, die das nötig machen oder die mich inspiriert haben. Das ist ein spannender Entstehungsprozess.

Woran stirbt das Opfer in Ihrem letzten Krimi?

Eines stirbt, weil es unwissend Schierling zu sich nimmt.

Ist ein Krimi ohne Tote denkbar?

Für mich schon. In einem Krimi geht es in meinen Augen zunächst einmal um einen Kriminalfall – dieser muss ja nicht immer zwingend Mord beinhalten. Aber in den meisten Krimis gibt es natürlich Tote und ich denke, das entspricht auch der Erwartungshaltung der meisten Krimifans.

Zwei Krimis haben Sie bereits veröffentlicht. Geht es mit den Protagonistinnen Nina Gruber, Dorothee Klasbrummel und Yasemin Nowak in die dritte Runde?

Zunächst legen die drei Frauen eine Ermittlungspause ein. Aber, so viel kann ich verraten: Eine meiner drei Protagonistinnen taucht in einem Roman von mir auf, der bald veröffentlicht wird …

Was ist der größte Störfaktor? Was hält Sie vom Schreiben ab?

Müdigkeit.

Ihr liebster Krimi-Autor*in?

Da möchte ich mich gar nicht auf einen Namen festlegen, weil es viele gute Autor*innen gibt und ich auch immer wieder gerne neue Stimmen entdecke. Ich mag den Stil eines Garry Disher oder Deon Meyer sehr, Judith Merchants Thriller „Atme“ hab ich letztes Jahr verschlungen und ich lese gerne Krimis von Simone Buchholz und Friedrich Ani, um einige Beispiele zu nennen.

An welches Genre trauen Sie sich gar nicht ran? Und warum?

Wenn es ums Lesen oder ums Schreiben geht? Bei ersterem traue ich mich an jedes ran. Beim Schreiben würde ich mich an Lyrik nicht heranwagen, weil das eine ganz eigene Kunstform ist, die ich bewundere und zwischendurch auch gerne lese, die ich aber nicht schreiben könnte. Für dieses Genre fehlt mir Handwerk und Talent.

www.christianeantons.de

Lesung aus „Yasemins Kiosk – Eine bunte Tüte voller Lügen“ 31.10.21, 17:00, Unikeller, Neuer Graben 29, Osnabrück

Heike Rommel

AUFGEWACHSEN IM SAUERLÄNDISCHEN ALTENA, WURDE BIELEFELD 1981 ZU IHRER ZWEITEN HEIMAT. HIER SPIELEN AUCH IHRE KRIMIS, BEI DENEN SICH HEIKE ROMMEL IMMER WIEDER MIT EINER FRAGE BESCHÄFTIGT: WAS BRAUCHT ES, DAMIT EIN MENSCH ZUM MÖRDER WIRD? DAS KRIMI-GENRE HAT SIE VON JEHER FASZINIERT UND SO WURDE SIE VON DER KRIMI- SÜCHTIGEN LESERIN ZUR AUTORIN. SEIT 2017 IST HEIKE ROMMEL MITGLIED BEIM „SYNDIKAT E.V.“, EINER VEREINIGUNG DEUTSCHSPRACHIGER KRIMIAUTORINNEN.

Welche Art von Krimis begeistern Sie als Leserin?

Das gibt es ein breites Spektrum: etwa die raffinierten Plots und das gekonnte Spiel mit den Perspektiven einer Gillian Flynn oder der prägnante Schreibstil von Ferdinand von Schirach. Einer meiner Lieblingsautoren ist z. B. Håkan Nesser, dem es wie vielen skandinavischen KrimiautorInnen gelingt, eine spannende Krimihandlung mit vielschichtigen und stimmigen Charakteren zu verbinden. Wenig anfangen kann ich mit Effekthascherei und überkonstruierten Plots. Auch drastische Gewaltszenen sprechen mich nicht an, weil ich andere Arten der Spannung bevorzuge.

Was reizt Sie als Autorin am Krimi-Genre?

Am Krimi interessieren mich Fragen wie: Was muss passieren, bis ein Mensch wie du und ich die Schwelle überschreitet und zum Mörder wird? Welche Rolle spielen dabei Persönlichkeit und Biographie? Und wie verändert die Tat die Menschen, die davon betroffen sind?

Sie haben Psychologie studiert, hilft Ihnen das, sich in Täter und Opfer einzufühlen?

Meine Krimis thematisieren sehr unterschiedliche Täter-Opfer-Konstellationen und Motivlagen. Bei bestimmten Fällen ist es hilfreich, sich etwa mit Persönlichkeitsstörungen oder dem Thema Trauerbewältigung auszukennen.

Warum haben Sie sich für Bielefeld als Hauptschauplatz entschieden?

Ich lebe seit vierzig Jahren in Bielefeld und finde, die Stadt bietet eine Fülle reizvoller Krimischauplätze, etwa alte Industriearchitektur, die Betonfluchten der Campus-Uni und nicht zuletzt den Teutoburger Wald, der in meinen Krimis eine besondere Rolle spielt. Das Großstädtische in Bielefeld kontrastiert mit dem Ländlichem der eingemeindeten Dörfer. Entsprechend vielfältig sind auch die Milieus: von studentisch bis alteingesessen und im Stadtteil verwurzelt.

Ihr aktueller Krimi „Kalte Liebe“ setzt die Reihe mit dem Bielefelder Ermittlerteam um Kommissar Dominik Domeyer und Kommissarin Nina Tschöke fort. Welche Vorteile hat es, mit vertrautem Personal zu arbeiten?

Viele LeserInnen mögen es, auf vertraute Figuren zu treffen. Das erhöht die emotionale Beteiligung und schafft Orientierung. Für mich als Autorin erleichtern meine vier festen Ermittlercharaktere das Schreiben, da ich auf bereits Bestehendem aufbauen kann. Bei der Wahl der Hauptperspektive frage ich mich zum Beispiel: Welche meiner Figuren wäre aufgrund ihrer Geschichte und Persönlichkeit emotional am stärksten von dem jeweiligen Fall betroffen und könnte die Nebenhandlung auf eine Weise prägen, dass sie gut zur Haupthandlung passt? Außerdem schafft die Entwicklung meiner Hauptfiguren die Möglichkeit, Spannungsbögen aufzubauen, die sich über mehrere Bände erstrecken. Natürlich kann eine neue Ermittlerfigur auch eine ganz neue Dynamik ins Spiel bringen – wie etwa in meinem letzten Krimi „Kalte Liebe“.

Arbeiten Sie bereits an einem neuen Fall?

Ich arbeite zurzeit am 6. Fall für meine Bielefelder Ermittler. Im beschaulichen Kirchdornberg macht kurz vor Weihnachten die schockierende Nachricht vom Mord an dem 18-jährigen Arztsohn und angehenden Medizinstudenten Jakob Heitbreder die Runde. Doch dabei bleibt es nicht. Ein zerkratztes Auto, ein zerstörtes Familienfoto, unheilvolle Botschaften an der Wand lassen Schlimmes vermuten: Jemand scheint es auf die angesehene Familie abgesehen zu haben … www.heike-rommel.de

Lesung aus „Kalte Liebe“ mit musikalischem Rahmenprogramm von Thomas Schweitzer 15.10.21, 19:00, Übersee-Café, Obersee (Eintritt frei, Anmeldung erbeten unter: Tel. 0521-785 980 46 )

TEXT: Corinna Bokermann, Eike Birck, Stefanie Gomoll

FOTOS: Anna-Lisa Konrad, Eike Birck, Promotion

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