ÜBER GRENZEN HINAUSGEHEN

DER NEUE CHEFCHOREOGRAPH IM INTERVIEW

DER ERSTE POSITIVE EINDRUCK, DEN FELIX LANDER BEREITS BEI DER SPIELPLAN-PRESSEKONFERENZ – NOCH PER VIDEO ZUGESCHALTET – HINTERLASSEN HAT, BESTÄTIGT SICH IM DIREKTEN GESPRÄCH. ER IST EIN AUSGESPROCHEN ANGENEHMER INTERVIEWPARTNER. ZUGEWANDT, FREUNDLICH, REFLEKTIERT. ER NIMMT SICH ZEIT FÜR DIE ANTWORTEN. GRÄBT GERNE TIEFER. EINE HALTUNG, DIE SEINER ARBEITSWEISE ALS CHOREOGRAPH ENTSPRICHT.

Felix Landerer

Felix Landerer … wird mit der Spielzeit 2023/24 künstlerischer Leiter und Chefchoreograf der Tanzsparte am Theater Bielefeld. Nach seiner achtjährigen Tänzerkarriere, u. a. als Solist im Ensemble der Staatsoper Hannover, machte sich Felix Landerer 2006 als Choreograf selbstständig. 2010 gründete er mit „Landerer & Company“ sein eigenes Ensemble in Hannover. Im selben Zeitraum gewann er den 1. Preis beim internationalen Wettbewerb für Choreografen in Hannover und wurde danach von 2011 bis 2017 zudem Hauschoreograf des Scapino Ballett Rotterdam. In den letzten Jahren entstanden Choreografien u. a. für das Nederlands Dans Theater, für das Ballet BC in Vancouver sowie die Tanzkompanie der Oper Göteborg. „Felix Landerer ist ein national und international gefragter Choreograf, der mit seiner Erfahrung und Philosophie bestens zu unserem Haus passt“, freut sich Michael Heicks. Nadja Loschky ergänzt: „Er bringt eine expressive, moderne und herausfordernde Bewegungssprache mit. Ich bin mir sicher, dass Felix Landerer die seit vielen Jahren erfolgreiche Arbeit der Bielefelder Tanzkompanie mit einem frischen Blick und spannenden künstlerischen Impulsen weiterführen und -entwickeln wird.“

GLEICH DIE GROSSE FRAGE ZUM EINSTIEG: WAS BEDEUTET IHNEN TANZ?


Felix Landerer: Das ist sehr komplex und lässt sich nicht in einem Satz beantworten. Jeder, der mit Tanz arbeitet, weiß, wie vereinnahmend der Job ist. In dieser Kunstform hat man es zumeist mit jungen Menschen zu tun, die auf bewundernswerte Weise über ihre Grenzen hinausgehen, um etwas zu erforschen, sich einer Idee hinzugeben und diese dann mit dem Publikum zu teilen. In der Art, wie ich Tanz betreibe, ist es eine zutiefst menschliche Arbeit, die viel mit Verletzbarkeit zu tun hat. Der Körper ist die einzige Ressource und diese Tatsache erlaubt es, bei ehrlicher, intensiver Recherche Dinge zu bergen, die ganz tief in uns liegen. Die vielleicht der Körper imstande ist zu zeigen, während sie der Kopf gar nicht begreift. Man begegnet in der Kunst oft dem Wunsch etwas zu verstehen, aber vielleicht kommt es eher darauf an, was man darüber hinaus zulässt. Ich glaube, dass es gerade in der jetzigen Zeit wertvoll und außergewöhnlich ist, sich auf Dinge einzulassen, die nicht bequem sind und ästhetisch in keinen Algorithmus passen.

WELCHE THEMEN INTERESSIEREN SIE INHALTLICH?

Ich nenne mich einen zeitgenössischen Choreographen und möchte keine Klassiker bearbeiten. Ich suche nach Themen, die mich umtreiben, zu denen ich einen Zugang finde. Das können gesellschaftsrelevante Themen sein, aber eben auch unsere Verletzlichkeiten, unsere Schwächen, das Scheitern. Alles, was eine Dialektik in uns entwickelt. Außerdem bin ich sehr an den Menschen hinter den Performerinnen interessiert. Es wird ein großes Abenteuer, mit zehn Tänzerinnen zu arbeiten, die ich noch gar nicht kenne. Auf diesen intensiven Prozess freue ich mich sehr. Dass hinter dem Tanz etwas ganz Menschliches, aber zutiefst Komplexes zu finden ist,
das reizt mich. Es setzt eine starke Hingabe voraus, immer weiter zu suchen, sich nicht mit der Oberfläche zufriedenzugeben und dadurch immer Neues zu finden.

DAZU PASST IHRE ERSTE PRODUKTION „HOTEL MANY WELCOME“, DIE AM 21.10. IM STADTTHEATER PREMIERE FEIERT …

Ja, ich wollte das Thema des Ankommens, des sich in die Fremde Begebens aufnehmen und habe dafür einen passenden Ort gesucht. In einem Hotel treffen ständig neue Gäste ein. Was das an Konflikten und Bewegung mit sich bringt, wohnt dem Stück hoffentlich inne. Darüber hinaus hat Kunst immer den Auftrag, Dinge in Bewegung zu bringen, neu zu beleuchten und kritische Fragen zu stellen.

SIE KOMMEN SELBST AN EINEM NEUEN ORT AN. WAS HAT SIE AN DER ZUSAMMENARBEIT MIT DEM THEATER BIELEFELD GEREIZT?

Das Gefühl, dass es in der Intendanz und im Team ein wirkliches Interesse am Tanz und der intensiven Beschäftigung damit gibt. Ich arbeite unglaublich gerne in einem Umfeld, das konstruktiv inspiriert an einer Sache dranbleibt. Ich möchte meine Arbeitsweise fortführen und dafür braucht es ein Haus, das die Qualität darin versteht. Außerdem ist das Ensemble klein genug, um die Auseinandersetzung mit Themen und meiner Ästhetik, die sehr fordernd ist, zu gewährleisten. Die Herausforderung ist, ein Umfeld mitzugestalten, das trotz begrenzter Mittel größtmögliche künstlerische Freiheit bietet. Dafür braucht es äußere Bedingungen, die das zulassen und ganz viel Investitionen in die Bedürfnisse und das Potenzial von Menschen.

WELCHE PLÄNE HABEN SIE FÜR DIE ZUKUNFT?

Ich möchte gerne groß denken und ein Ensemble entwickeln, das sowohl die Bielefelder und die Region begeistert, als auch die Tanzsparte am Theater Bielefeld europäisch auf eine Karte setzt. Das ist ambitioniert, aber ich glaube, dass ganz viel möglich ist, wenn es einem Team gelingt, einen Ort zu schaffen, der inspiriert.

HABEN SIE LAMPENFIEBER VOR DER ERSTEN VORSTELLUNG?

Auf jeden Fall! (lacht). Jeder Job, in dem man sich „nackig“ macht, hat immer etwas mit Courage und Nervosität zu tun und es besteht die Möglichkeit, auf Ablehnung zu treffen. Das birgt ein Risiko, ist aber auch der Reiz.

Interview: Stefanie Gomoll
Fotos: Arne Gutknecht, Marc Seestaedt

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