STIMMEN AUS DEM OFF

DIE NÄCHSTE GENERATION

WENN DIE NÄCHSTE WELLE ANRAUSCHT, MAG DAS GERADE NIEMAND HÖREN. DOCH IN DIESEM FALL IST DAS ETWAS POSITIVES. AUF DIE ERSTE WELLE DER THEATERGRÜNDUNGEN IN DEN 80ER UND 90ER JAHREN FOLGT NÄMLICH GERADE EINE ZWEITE. UND SO GESELLEN SICH ZU AKTEUREN WIE ALARM- ODER TROTZ-ALLEDEM THEATER GERADE EINIGE NEUE GESICHTER WIE DAS FEEDBACK KOLLEKTIV ODER DIE THEATERGRUPPE UBU. DIE NÄCHSTE GENERATION WÄCHST MAL INNERHALB DER BEREITS BESTEHENDEN STRUKTUREN – SO WIE BEIM THEATERLABOR – MAL GRÜNDEN SICH NEUE GRUPPEN WIE DAS SPIELKOLLEKTIV:B. STELLVERTRETEND FÜR DIE AUSGESPROCHEN VIELFÄLTIGE FREIE THEATERSZENE DER STADT STELLEN WIR DIESE BEIDEN VOR.

DIE WOLLEN NUR SPIELEN

DER NAME IST PROGRAMM. SPIELKOLLEKTIV:B BRINGT AUF DEN PUNKT, WAS DEN VIER KÜNSTLER*INNEN AUS DEN BEREICHEN SCHAUSPIEL, FILM UND PERFORMANCE WICHTIG IST: DAS PURE THEATERSPIEL, KEINE HIERARCHIEN UND GEFUNDEN HABEN SIE SICH IN „B“ WIE BIELEFELD.

Wie genau, lässt sich kaum entwirren. Zu vielfältig sind die Querverbindungen der umtriebigen Künstler*innen. Filmhaus, Jugendring und die Uni-Theaterszene sind nur einige der Orte, die sie in verschiedensten Konstellationen zusammengeführt haben. Angestoßen hat die Gründung des spielkollektiv:b dann letztlich der Fokus auf Themen, die alle vier reizen. Die Gruppe befasst sich mit den Stoffen klassischer Dramen und setzt sie mit aktuellen Themen einer digitalen Gesellschaft in Verbindung. „Klassiker sind meine Leidenschaft, weil sie eine Qualität und Bedeutung haben, die zeitlos ist“, erklärt Stefan Meißner. Bei einem Drama wie „Macbeth“ ist das besonders deutlich. „Es geht um Macht und um die Dynamik eines Paars, das über Leichen geht, um seine Ziele zu erreichen. Auf fast unheimliche Weise kommentiert der Klassiker unsere Gegenwart in Politik, Kultur und Gesellschaft“, so der Schauspieler und Regisseur. „Es hat ja einen Grund, dass wir uns diesen Stoffen heute noch nähern“, ergänzt Regisseur und Autor Carsten Panitz. „Als Stück über das Thema Depression hat uns auch ‚Hamlet‘ immer noch etwas zu sagen und jeder, der sich mal in einer Sackgasse gefühlt hat, findet sich dort ebenfalls wieder.“ Maxi Blasius resümiert: „Wir möchten das auf die Bühne bringen, was wir eh erleben.“
Große Stoffe also, die das spielkollektiv:b bewusst spartanisch und mit Mut zur Lücke inszeniert. „Man kann ‚Hamlet‘ mit einem Schauspieler und einem Plastikbecher als Requisite auf die Bühne bringen“, ist Carsten Panitz überzeugt. Und „Macbeth“ als One-Woman-Show, die Geschlechterrollen und -konzepte ganz bewusst immer wieder neu durchspielt.

„Es geht um die Essenz“, unterstreicht Laura Parker. „Dabei liegt der Fokus ganz auf dem Spiel. Es ist toll, so intensiv an Rollen zu arbeiten, wie ich es mir auf der Schauspielschule immer vorgestellt habe.“
Der Minimalismus hat noch einen weiteren Vorteil: Das Kollektiv braucht keine große Bühne, kann fast überall auftreten.
Ob im Movement Theater oder im Nr. z. P., aber auch auf Tour in anderen Städten. Allerdings sind die Künstler*innen auf der Suche nach einem Probenraum. Den gäbe es bei einer Festanstellung quasi gratis dazu. Doch sowohl Laura Parker als auch Maxi Blasius möchten ganz bewusst frei arbeiten. Beide sind mit der Welt auf und hinter der Bühne — Mutter Schauspielerin bzw. Vater Opernsänger — seit ihrer Kindheit vertraut. „Aber ich habe früh gemerkt, dass mich das männlich-hierarchische Theater nicht interessiert — und die Arbeitsstruktur auf großen Bühnen reproduziert jeden Tag Hierarchien“, ist Maxi Blasius überzeugt. „Da haben sich die Richtigen gefunden“, lacht Laura Parker. Miteinander statt Macht auszuüben, ist eben eine Devise, die das gesamte Kollektiv verbindet. Wie gut das funktioniert, beweist die Produktivität der Gruppe. Dass sie so kurz nach der Gründung im letzten Jahr gleich mit zwei ShakespeareStücken und außerdem noch „Judith/Holofernes“ und „Der Sandmann“ am Start ist, ist kein Zufall. Die Pandemie legte sie zwar in Bezug auf Auftritte lahm, doch die Zwangspause und das NRW-Stipendienprogramm „Auf geht’s!“ haben sie genutzt, um Inszenierungen zu entwickeln. „Jetzt ist es Zeit, die Stücke aufzuführen“, freut sich Stefan Meißner.
Weitere Infos und aktuelle Termine: www.spielkollektiv.de

Maxi Blasius …
kommt aus Berlin und hat an der Volksbühne bei Frank Castorf und Werner Schröter und an der Komischen Oper bei Jetske Mijnssen hospitiert. Darauf Studium der Erziehungswissenschaft und Philosophie in Bielefeld, freiberuflich in der Museums- und Medienpädagogik und Offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig. Hospitierte am Theaterlabor Tor 6 und war Mitglied des Extra-Chors am Theater Bielefeld. Maxi Blasius spielt für das spielkollektiv:b das Solo „Hamlet“.

Laura Parker …
schloss 2009 ihre Ausbildung als staatlich anerkannte Schauspielerin am Europäischen Theaterinstitut Berlin ab, anschließend Weiterbildung zur Filmschauspielerin am ISFF Camera Actors Studio Berlin. Sie ist seitdem in Hannover, Berlin, Leipzig, Frankfurt und Bielefeld als freie Schauspielerin, Performerin, Stückeentwicklerin aktiv. 2021 realisiert sie zusammen mit dem Regisseur Sascha Schmidt das Theaterstück „Auf dem Kesselbrink. Seit 2020 ist sie Mitglied beim spielkollektiv:b und spielt hier das Solo „Macbeth“.

Carsten Panitz …

machte seinen Bachelor 2009 in English and American Studies und Literaturwissenschaften an der Universität Bielefeld mit einer Abschlussarbeit über Geschlechterrollen in den Filmen von John Carpenter. Nach einer Reihe von Kurzfilmen als Regisseur und Autor co-produzierte er den Spielfilm „Zwischen Sommer und Herbst“ 2008 von Daniel Manns. Zurzeit arbeitet er an verschiedenen Spiel- und Kurzfilmprojekten sowie Theaterproduktionen. Für das spielkollektiv:b inszenierte er den „Sandmann“.

Stefan Meißner …
hat in Bielefeld Geschichts- und Literaturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Theaterwissenschaften studiert. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung zum Theaterpädagogen, die ihn u. a. zum The Actors Space in Spanien führte. Zudem hospitierte er in der Dramaturgie des Theater Bielefeld. Seit 2011 arbeitet er hauptberuflich als freier Regisseur, Schauspieler und Theaterpädagoge. Für das spielkollektiv:b inszenierte er „Macbeth“ und „Hamlet“ und spielt das Solo „Der Sandmann“.

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

IN PHASEN DES UMBRUCHS STELLEN SICH OFT NAHEZU ZWANGSLÄUFIG DIE GANZ GROSSEN FRAGEN. SO GEHT ES AUCH DEM THEATERLABOR. „WOHER KOMMEN WIR UND WO WOLLEN WIR EIGENTLICH HIN?“, FORMULIERT ES INDIRA HEIDEMANN. ALS KÜNSTLERISCHE LEITERIN HAT SIE DIE POSITION DES THEATERGRÜNDERS SIEGMAR SCHRÖDER ÜBERNOMMEN UND LEITET DAS HAUS ZUSAMMEN MIT GESCHÄFTSFÜHRERIN CHRISTIN KIRSCH.
GEMEINSAM MIT DEM GESAMTEN TEAM HAT SIE DAS RENOMMIERTE FREIE THEATER IN DEN LETZTEN BEIDEN JAHREN NEU AUFGESTELLT.

Dabei bedeutet „neu“ keinesfalls eine Abkehr von den Wurzeln. „Wir haben uns viel mit den ursprünglichen Ideen des Theaterlabors beschäftigt“, unterstreicht Indira Heidemann. So sieht sich das Team eindeutig in der Tradition der Theaterlaboratorien, die durch Jerzy Grotowski, Eugenio Barba und eben Siegmar Schröder initiiert wurden. Und zwar hinsichtlich der „experimentellen“ Herangehensweise an theatrale Ausdrucksformen, als auch in Fragen der individuellen Entwicklung aller Beteiligten im Kontext des Kollektivs. „Wir möchten den Labor-Gedanken revitalisieren und haben gemerkt, dass das Theaterlabor für uns Arbeits- und Lebensraum zugleich ist. Das ist im Grunde praktizierte Philosophie“, bringt es Indira Heidemann lachend auf den Punkt.
Als ganz konkrete Säulen seiner Arbeit definiert das Theaterlabor künstlerische Produktionen, Projektarbeit, Pädagogik, Community und Gastveranstaltungen. Dabei überschneiden und beeinflussen sich diese Arbeitsfelder permanent. Angestoßen wurde der Neuanfang nicht nur durch personelle Veränderungen, insbesondere den Weggang Siegmar Schröders — sondern auch durch die Corona-Pandemie. Auf den ersten „Alarm Modus“ folgte schnell die Überzeugung, künstlerisch weitermachen zu wollen. „Aber dafür mussten wir unsere Fähigkeiten und Stärken so koordinieren, dass sie unserer Arbeit zugutekommen“, sagt Indira Heidemann. „So hat Corona eine Entwicklung angestoßen, die jetzt richtig Fahrt aufgenommen hat.“ Eine der Veränderungen: Wirklich alle Teammitglieder sind künstlerisch aktiv. „Das war vor zwei Jahren noch nicht abzusehen“, erklärt Thomas Behrend. Das Theaterlabor-Urgestein ergänzt. „Für mich ist es toll, die Energie aus der neuen Generation zu spüren. Wir sind alle starke Individuen, und dürfen uns auch mal reiben. Jeder und jede bringt seine eigene Künstlerpersönlichkeit mit deshalb gibt es uns schon so lange.“
Weitere Infos und aktuelle Termine: www.theaterlabor.eu

Das Theaterlabor …

hat in seiner knapp 40-jährigen Geschichte immer wieder bahnbrechende Produktionen, Festivals und Projekte realisiert und damit die Theater- Welt verändert. Bekannt wurde Bielefelds renommiertes „Off“-Theater vor allem mit spektakulären Straßentheater Inszenierungen. Das Theaterlabor steht für ausdrucksstarkes, grenzüberschreitendes, experimentelles Theater. Heute arbeiten im Theaterlabor Theaterschaffende der Gründer*innengeneration gleichberechtigt mit Mitgliedern der zweiten, dritten und in Zukunft vierten Generation.

Als eigene Spielstätte dient seit dem Jahr 2000 das Tor 6 Theaterhaus, eine Produktionshalle auf dem Fabrikgelände des ehemaligen Nähmaschinenherstellers Dürkopp. Das Haus ist außerdem kultureller Veranstaltungsort für weitere lokale Akteure Theater Bielefeld, Kulturamt Bielefeld, NewTone, Ratsgymnasium . So reicht das Programm von experimentellem Theater über zeitgenössischen Tanz bis hin zu Konzerten, Kabarett und Comedy.

Text: Stefanie Gomoll
Fotos: Stefanie Gomoll, spielkollektiv:b

Mensch, Bielefeld


Ja, Bielefeld ist schön. Man lebt gern und gut hier. Und genau das zeigt die achte Ausstellung, die im Foyer der Volksbank Bielefeld-Gütersloh am Kesselbrink stattfindet.

ÜBER GRENZEN HINAUSGEHEN


DER ERSTE POSITIVE EINDRUCK, DEN FELIX LANDER BEREITS BEI DER SPIELPLAN PRESSEKONFERENZ – NOCH PER VIDEO ZUGESCHALTET – HINTERLASSEN HAT, BESTÄTIGT SICH IM DIREKTEN GESPRÄCH.

Kulturbotschafterinnen


Die Blasinstrumente waren abgedeckt und es gab immer gleich mehrere Mikros – für den Moderator und für die Künstler. Bei den Veranstaltungen des „Burg- und Parksommers“ war vieles coronabedingt anders.

Neue Namen


ZUM AUFTAKT DER FEINEN, KLEINEN KONZERTREIHE „NEUE NAMEN“, VERANSTALTET VOM KONZERTBÜRO SCHONEBERG, SCHLÄGT SIE IM KLEINEN SAAL DER RUDOLF-OETKER-HALLE DEN ERSTEN TON AN.