#KULTUROHNEHAUS

OSTBLOCK KULTURHAUS E.V

SIE SIND MEISTERINNEN DER IMPROVISATION. DAS HABEN DIE 120 KÜNSTLERINNEN DES OSTBLOCK KULTURHAUS E.V. IN DEN VERGANGENEN JAHREN EINDRÜCKLICH UNTER BEWEIS GESTELLT. MIT VIEL ENTHUSIASMUS UND HERZBLUT HABEN SIE IN TAUSENDEN VON ARBEITSSTUNDEN DIE EHEMALIGEN FH-RÄUMLICHKEITEN AN DER WERNER-BOCK-STRASSE IN 40 ATELIERS VERWANDELT UND DER KULTUR-SZENE BIELEFELDS IM JANUAR 2019 EIN NEUES ZUHAUSE GEGEBEN. IM MÄRZ 2022 KAMEN GEFLÜCHTETE AUS DER UKRAINE – DAS HAUS WURDE GEBRAUCHT.

Sofort erklärten sich die Künstler*innen solidarisch und schafften es, den Ostblock in einer guten Woche leerzuräumen. „Es war für uns eine Selbstverständlichkeit, Menschen in dieser Notlage zu unterstützen. Aber es war schon ein Kraftakt“, sagt Julia Schürmann, die als Modedesignerin selbst täglich im Atelier gearbeitet hat. „Materialien, Instrumente, Mobiliar mussten sicher untergebracht werden. Das Deutsche Rote Kreuz, das die Unterkunft betreibt, hat uns gut unterstützt und wir konnten beispielsweise sperrige Möbel in nicht genutzten Räumen unterstellen.“ Auch der ISB als Verwalter des Gebäudes, das Kulturamt als Vermieter und das Technische Hilfswerk haben tatkräftige Unterstützung beim Abtransport der Möbel und Ausstattungen geleistet. Für anderes Equipment wurden private Lösungen gefunden à la: Der Vater einer Freundin hat da doch noch Platz auf dem Dachboden.

Raum für Kreativität

Das Kulturhaus hat sich in den vergangenen Jahren zu einer festen kulturellen Größe in der Stadt etabliert. „Wir brauchen einen Raum für Künstler und Kulturschaffende in Bielefeld.“ Das war die Idee, die 2015 einen Kreis von engagierten Bielefelderinnen umtrieb. Daraus wurde die Initiative Kulturhaus Bielefeld, die sich mittlerweile zu einem gemeinnützigen Verein entwickelt hat. Nach vielen Gesprächen mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb, der Stadt Bielefeld, dem Kulturdezernat, dem Kulturamt und viel Öffentlichkeitsarbeit konnten die Künstlerinnen am 1. Januar 2019 das in die Jahre gekommene Laborgebäude der FH beziehen, das sie in Eigenregie instand gesetzt und bewohnbar gemacht haben. Von der kulturellen Vielfalt und der Kreativität konnten sich bereits wenige Monate später die rund 2.000 Besucherinnen der „Nachtansichten“ überzeugen. Hinter jeder der 40 Atelier-Türen und in den Gemeinschaftsräumen wartete eine Überraschung. Es wurde gemalt, getanzt, musiziert, geformt, gezeichnet, performed, designt, fotografiert und noch vieles mehr. Ganz im Sinne der Initiatorinnen, die sich eine positiv heterogene Mischung aus unterschiedlichen Kultursparten gewünscht hatten. Von Anfang an sollte das Kulturhaus Begegnungsstätte für alle Bielefelder*innen sein. „Bei dem Projekt ,Küche für alle‘ wurde gemeinsam gekocht und gegessen, und das für wenig Geld“, schildert Anni Kleinert, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins kümmert, das Konzept eines niedrigschwelligen Angebotes.

Hürden nehmen

Auch von der Corona-Pandemie ließ sich das mittlerweile mit dem Namen Ostblock versehene Kulturhaus nicht ausbremsen. Viele Formate wurden an die jeweils geltenden Bedingungen angepasst und fanden trotzdem statt, z. B. die „Ostblock-Luken“ – eine Kulturaktion aus und vor Fenstern, die
„Creative Shortcuts“, Kunstausstellungen oder der „Night Flow Market“. Ganz bewusst öffnet sich das Kulturhaus der Stadtgesellschaft, will Raum für Begegnungen bieten. Viele Veranstaltungen waren bereits für den Sommer 2022 geplant. Doch ohne Haus konnten viele Projekte nicht stattfinden.
Nicht nur den Vereinsmitgliedern fehlt der konkrete Ort für Kunst, Kultur, soziopolitisches Engagement und Begegnung. Mit dem Auszug aus dem Kulturhaus an der Werner-Bock-Straße ist auch vielen weiteren sozialen, politischen und künstlerischen Initiativen wie Chören, Shaolin for Kids, Artists Unlimited, Seebrücke, Final Bar Orchestra, dem Kinokabarett, Mondo Musica, Kinderferienprogrammen, der „Küche Für Alle“ oder den Kulturwandertagen (Kulturrucksack) und vielen weiteren Projekten ein wichtiger Raum verloren gegangen. Außerdem fürchten die Initiatorinnen, dass angehenden künstlerischen und/oder kulturschaffenden Akteurinnen in Bielefeld ohne das Kulturhaus Ostblock die Perspektive fehlt und diese eher in die Metropolen der Republik abwandern.

Gemeinsam weiter

Die momentane Situation ist schwierig, aber Bielefelds Kultur-Szene hält zusammen. Die hauslosen Kulturschaffenden erlebten die Unterstützung anderer Künstler*innen, die anlässlich der diesjährigen Nachtansichten
in eigenen Räumlichkeiten Platz geschaffen haben. „Es war eine schöne Erfahrung, dass uns so viele Einrichtungen aufgenommen haben, so dass wir dort Kunst zeigen konnten“, sagt Julia Schürmann. „Wir sind hier
untereinander in der Kulturszene gut vernetzt“, ergänzt Anni Kleinert.
„Da ist kein Konkurrenzgedanke. Aber uns fehlen nicht nur die Ateliers, sondern die Gemeinschaft und der Austausch untereinander.“
Aber wie geht es nun weiter? Die Stadt hat bereits signalisiert, dass sie sich für den Fortbestand des Kulturhauses einsetzen möchte. Das Gelände allerdings gehört dem BLB, dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb Nordrhein Westfalen, die Stadt ist lediglich Mieterin. „Wir sind im Austausch mit der Stadtverwaltung und hoffnungsfroh, dass wir Anfang 2023 in unser Haus zurückkehren können“, sagt Julia Schürmann. Und das zu besseren Bedingungen. Denn zuvor war der Mietvertrag lediglich immer auf ein Jahr befristet. Das ist gerade für die Beantragung von Geldern sehr ungünstig, weil die Laufzeiten für eine Förderung oft längerfristig angelegt sind.
Dafür und auch um Planungssicherheit für Projekte zu haben, müsste der Verbleib im Kulturhaus für mindestens fünf Jahre gewährleistet werden.
„Der Bedarf ist da“, betont Anni Kleinert. „Es stehen aktuell 70 Personen auf der Warteliste, die sich gern mit anderen ein Atelier teilen möchten.“

Text: Eike Birck Foto: Dennis Neuschäffer

32. FILM+MUSIKFEST


Lost & Found STUMMFILME SIND DIE SAURIER DES KINOS: VERLOREN, WIEDERGEFUNDEN UND AUFERSTANDEN IN ÜBERLEBENSGRÖSSE. DIE FRIEDRICH WILHELM MURNAU-GESELLSCHAFT TRÄGT MIT GROSSER BEGEISTERUNG UND EBENSOLCHEM ERFOLG ZU IHRER WIEDERENTDECKUNG BEI.…

Raum für Kreativität


FÜR TIERE UND PFLANZEN GIBT ES BIOTOPE, IN DENEN SIE IDEALE LEBENSBEDINGUNGEN VORFINDEN. DOCH WAS BRAUCHEN EIGENTLICH KÜNSTLER*INNEN, UM IHR POTENZIAL ENTFALTEN UND MIT ANDEREN TEILEN ZU KÖNNEN? EINE GANZ KONKRETE ANTWORT DARAUF LIEFERT DAS KULTURHAUS BIELEFELD E. V. IM EHEMALIGEN FH-GEBÄUDE AN DER WERNER-BOCK STRASSE.

FRAUEN IN DER FOTOGRAFIE


SIE STEHT AUF DER NOMINIERTEN-LISTE ALS CITYARTIST 2021. KATHARINA BOSSE IST EINE VON 21 KÜNSTLER*INNEN, DIE VOM NRW KULTURSEKRETARIAT AUSGEWÄHLT WURDE.

DIGITALE SPUREN


DURCH DIE PANDEMIE ENTWICKELTEN SICH KUNST UND KULTUR IMMER MEHR ZUM DIGITALEN ERLEBNIS. MUSEEN, THEATER, KONZERTSÄLE, OPERNHÄUSER UND MUSIKER*INNEN – ALLE STARTETEN DIGITAL DURCH, UM DAS PUBLIKUM AUF DEM SOFA ZUHAUSE ZU ERREICHEN. WAS BLEIBT DAVON UND SIND AUCH KÜNFTIG HYBRIDVERANSTALTUNGEN AUS ANALOG UND DIGITAL DENKBAR? WIR HABEN AGNETHA JAUNICH UND DIRK REHLMEYER NACH IHREN ERFAHRUNGEN UND EINSCHÄTZUNGEN GEFRAGT.