Kulturbotschafterinnen

Marianne Weiß & Nina Oesterreich

Die Blasinstrumente waren abgedeckt und es gab immer gleich mehrere Mikros – für den Moderator und für die Künstler. Bei den Veranstaltungen des „Burg- und Parksommers“ war vieles coronabedingt anders. Die Gäste kamen mit Masken zu den Konzerten und wir haben sie zu ihren Plätzen begleitet“, erzählt Nina Oesterreich, beim Kulturamt Bielefeld zuständig für Kulturmarketing, Netzwerkarbeit und Projektmanagement. „Wir haben unter Wahrung des Abstandes auch immer versucht, dass die Familien oder Freunde die Veranstaltung gemeinsam genießen konnten“, ergänzt Marianne Weiß, die bei der Bielefeld Marketing die Stadtmarke im Bereich Kultur weiterentwickelt.

Burgsommer

I hre Zusammenarbeit hatten sich Nina Oesterreich und Marianne Weiß ganz anders vorgestellt. Eigentlich sollten die beiden Frauen im Auftrag ihrer Institutionen Kulturmarketing an der Schnittstelle von Kulturakteuren, Kulturförderung und Stadtmarketing betreiben. Durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ging es von der konzeptionellen Arbeit sehr schnell in den „Krisenmodus“. „Wir haben uns gefragt, wo werden wir gebraucht, was geht überhaupt in Sachen Kultur und wie kann den Akteuren geholfen werden“, waren sich die beiden Kulturfrauen sehr schnell in der pragmatischen Herangehensweise einig. Seit Oktober 2019 läuft die enge Kooperation von Kulturamt und Bielefeld Marketing in Sachen „Kulturmarketing“. Nina Oesterreich ist gebürtige Bielefelderin, studierte in Paderborn und Würzburg und arbeitete zuletzt für die TourismusMarketing Niedersachsen GmbH. Marianne Weiß stammt zwar gebürtig aus München, lebt aber seit 40 Jahren in der Stadt und ist den Bielefeldern als engagierte Grünen-Politikerin bekannt und mit der heimischen Kulturszene gut vernetzt. Und damit eigentlich für die Arbeit im Kulturamt prädestiniert. Nina Oesterreich kommt aus dem klassischen Marketing und man würde sie daher eher bei der Bielefeld Marketing vermuten. Aber es ist genau umgekehrt – und damit für beide Häuser und in der Zusammenarbeit ungemein befruchtend.

Marianne Weiß und Nina Oesterreich

WERTSCHÄTZENDE ZUSAMMENARBEIT

Die Chemie zwischen den beiden Frauen passte auf Anhieb. Neben ihren jeweiligen fachlichen Qualifikationen und der Leidenschaft für Kultur sind beide offen für neue Ideen, überaus kommunikativ, flexibel und durchsetzungsfähig. So wurden schnell Doppelstrukturen abgeschafft, um Ressourcen zu sparen. Nina Oesterreich und Marianne Weiß tauschen sich regelmäßig ein Mal in der Woche aus und verstehen sich als Botschafterinnen der Bielefelder Kultur. Gemeinsame Veranstaltungen, Konzepte und Formate waren bereits auf einem guten Weg, als der Lockdown im März 2020 viele Planungen zunichtemachte bzw. vorerst auf Eis legte. Das tat der Leidenschaft der beiden Frauen für ihre Arbeit aber keinen Abbruch. „Wir haben unseren Kulturwinter 2020/21‘ mit weniger Publikum als gewohnt durchgeplant“, berichtet Nina Oesterreich, „denn wir wollen ja für alle möglichen Szenarien, was im Herbst und Winter kulturell geht, vorbereitet sein.“ Auch die Bielefeld Marketing, die vorwiegend die Federführung für viele Großveranstaltungen in der Stadt hat, arbeitet permanent an Konzepten, wie beispielsweise die Durchführung eines Weihnachtsmarktes zu Coronazeiten aussehen könnte. „Unser Veranstaltungsteam muss das ganz flexibel und pragmatisch betrachten“, sagt Marianne Weiß mit Blick auf die sich ständig verändernden Regularien. „So werden viele Veranstaltungen in 2021 gleich für zwei Termine geplant.“

Wir wollen zeigen, dass Kultur für die Lebensqualität wichtig ist. Bielefeld ist mit dem vielfältigen Kulturangebot eine lebenswerte Großstadt.

KREATIVITÄT GEFRAGT

Da momentan kein „normaler“ Kulturbetrieb planbar ist, müssen Möglichkeiten gefunden werden, um Kultur doch stattfinden zu lassen. „Eine Ausstellung mit Veit Mette sollte eigentlich hier bei uns im Foyer des Kulturamtes, in der Kommunalen Galerie, stattfinden, aber wir hätten die Abstandsregelungen nicht einhalten können. Deshalb findet die Fotoausstellung nun draußen am GoldbeckParkhaus statt“, freut sich Nina Oesterreich über den „neuen“ Kulturort am Kesselbrink, wo 40 Bilder des Bielefelder Fotografen zu sehen sind. Viele Veranstaltungen seit März wurden in digitaler Form durchgeführt. „Dabei sind auch Formate herausgekommen, die vielleicht sonst nicht zum Tragen gekommen wären“, so Marianne Weiß. „Ich denke da zum Beispiel an das Bielefelder Kunstdreieck. In einem Film haben sich die drei Direktorinnen, Nadine Droste vom Kunstverein Bielefeld, Christiane Heuwinkel vom Kunstforum Hermann Stenner und Christina Végh von der Kunsthalle Bielefeld in Videos zu besonderen Aspekten der aktuellen Ausstellungen in ihren Häusern crossover ausgetauscht. Der so entstandene Dialog machte Lust auf echte Besuche.“ Für Marianne Weiß und Nina Oesterreich ist das Profi l ihres Auftrags, die Kultur zu den Menschen bringen, durch die Corona-Pandemie noch mal geschärft worden. „Die Kultur muss noch mehr als bisher auf die Straße. Wir können den öffentlichen Raum noch besser als kulturellen Raum nutzen. Da gibt es viel Potenzial“, sagt Marianne Weiß. Mit dem „Burg- und Parksommer“ haben Bielefeld Marketing und das Kulturamt den Menschen der Stadt ein Geschenk gemacht. Sie haben in kulturarmen Zeiten mit viel Engagement und einem ausgefeilten HygieneKonzept vielfältige Kulturveranstaltungen im Rahmen des „Burg- und Parksommers“ möglich gemacht. „Gerade jetzt merken viele Menschen, dass sie Kultur zum Leben brauchen“, betont Marianne Weiß, „nicht nur, um sich abzulenken, sondern zur Inspiration, auch um eine andere Perspektive auf diese besondere Zeit zu bekommen.“ Die Plakatkonzeption für die beiden Freiluftbühnen haben Kulturamt und Bielefeld Marketing gemeinsam erdacht und sich bei den Programminhalten abgesprochen, damit es nicht zu inhaltlichen Überschneidungen kommt und man sich womöglich gegenseitig Konkurrenz macht. Die Bielefeld Marketing als GmbH ist darauf angewiesen, Einnahmen zu erwirtschaften. Das Angebot an der Burg reichte von Konzerten über Yoga und Sport bis hin zu Tastings. Im Park war die Bühne größer und deshalb traten hier viele Bands auf. Eine Aufteilung, die sich bewährt hat.

SUPPORT YOUR LOCAL SCENE

„Dabei haben wir darauf geachtet vornehmlich Bielefelder Künstlerinnen und Künstlern Auftritte zu ermöglichen“, unterstreicht Nina Oesterreich den Anspruch der lokalen Kulturförderung. Neben der Gage war es für die Kulturakteure auch eine gute Gelegenheit, nach Monaten der Bühnenabstinenz auf sich aufmerksam zu machen und zu zeigen „Uns gibt es noch!“ „Vielen Künstlern fehlt nicht nur das Einkommen, sondern auch der Kontakt zum Publikum. Wir haben sehr viele gute Rückmeldungen bekommen, sowohl von den Künstlern als auch von den Gästen.“ Beim „neuen Normal“ mussten vorher die Karten gebucht werden, es gab keine Pause und auch keinen Getränkeausschank. Sowohl im Park als auch an der Burg wurde ein Kinderprogramm auf die Beine gestellt. Etwaige Bedenken, dass Kinder mit Maskenpflicht und Abstandsregelung Schwierigkeiten haben könnten, bestätigten sich nicht. Ganz im Gegenteil. „Es war erstaunlich, wie diszipliniert die Kinder waren“, betont Nina Oesterreich. „Sie blieben wirklich alle ruhig auf den Plätzen. Das hat super geklappt.“

Parksommer

WAS BLEIBT?

Welche Kulturschaffenden können die Krise überleben und wie sieht es beim Publikum aus? Besuchen viele Menschen aus Angst vor einer Ansteckung die Veranstaltungen nicht mehr? Oder verzichten sie in Anbetracht von Kurzarbeit und einem damit geringeren Budget auf Kultur? „Gerade in Zeiten, in denen man schnell Informationen zu den Veranstaltungen, OnlineTicket-Kauf oder auch Rückerstattung von Eintrittsgeldern veröffentlichen möchte, wurden die digitalen Kanäle immer wichtiger“, stellt Marianne Weiß fest. Auch hier arbeiten Kulturamt und Bielefeld Marketing gut zusammen und bündeln Ressourcen. Neben einer Homepage mit allen tagesaktuellen Terminen, informiert ein regelmäßiger Newsletter der Bielefeld Marketing das Publikum über die Veranstaltungen, während das Kulturamt die Aufgabe übernommen hat, die heimische Kunst- und Kulturszene aktuell über Corona-Regularien und auch über Fördergelder in Kenntnis zu setzen. Das alles gilt auch unabhängig von Corona. „Momentan ist die Lage manchmal recht unübersichtlich“, berichtet Nina Oesterreich. „Es gibt Gelder vom Land und vom Bund unter bestimmten Voraussetzungen, um den Kulturakteuren zu helfen, die durch die Pandemie in existenzielle Bedrängnis geraten sind. Uns erreichen auch viele Anrufe von Künstlern, die wissen möchten, was unter welchen Auflagen wieder möglich ist. Das haben wir zusammengestellt. Eigentlich bieten wir den Kulturakteuren auch Weiterbildungen, zum Beispiel im Bereich Selbstmarketing, Social Media und Co. an, aber das hat momentan keinen Sinn, denn die Künstler sind damit beschäftigt, ihre Existenz zu sichern. Aber natürlich machen wir uns Gedanken, in welcher Form künftig Fortbildungsangebote gemacht werden könnten.“ Mit etwas Sorge betrachten die beiden Kulturbotschafterinnen auch die Lage im Hinblick auf Sponsorengelder. „Es ist verständlich, dass wenn Unternehmen zu kämpfen haben, das Kultursponsoring nicht ganz oben auf der Agenda steht“, so Marianne Weiß. Viele Veranstaltungen in der Stadt wären ohne die Unterstützung der Wirtschaft jedoch nicht durchführbar. „Bisher war das Engagement der Unternehmen nach wie vor richtig gut“, sind sich Nina Oesterreich und Marianne Weiß einig. Außerdem hoffen die beiden Kulturfrauen, dass das angedachte große Projekt für die Bielefelder Kultur 2021 tatsächlich stattfinden kann. „Wir wollen zeigen, dass Kultur für die Lebensqualität wichtig ist. Bielefeld ist mit dem vielfältigen Kulturangebot eine lebenswerte Großstadt.“

Fotos: Eike Birck, Kulturamt Bielefeld, René Weinitschke

Text: Eike Birck

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