Anders als geplant

Die Spielzeit der Städtischen Bühnen

Theater und Konzerte leben von Begegnungen. Von Nähe und Austausch – auf der Bühne, im Orchestergraben und mit dem Publikum. Eigentlich das pure Gegenteil von Social Distancing. Dennoch ist es dem Theater und den Philharmonikern gelungen, eine Corona-kompatible Spielzeit zu planen. Vor ihnen steht eine Saison, bei der das Motto Programm ist: „Alles könnte anders sein“.

Demian

Genauso ist es leider auch geworden, allerdings anders als gedacht“, sagt Intendant Michael Heicks anlässlich der Vorstellung des veränderten Spielplans für die Saison 2020/21. Denn auch das ist anders: Aufgrund der
Corona-Pandemie gab es gleich zwei SpielzeitKonferenzen – vor und nach dem Shutdown. Schließlich mussten die Städtischen Bühnen die gesamte Saison noch einmal neu denken. „Aber wir waren erstaunt, wie viele Produktionen des ursprünglich geplanten Spielplans wir machen können und dass man ihnen die Corona-Veränderungen nicht ansehen wird“, freut sich der Intendant.

How to date a feminist

MUSIKTHEATER

Wie geplant beginnt am 30. August die Spielzeit mit dem Musical „Die spinnen, die Römer!“ 1962 gelang Stephen Sondheim mit seiner Komödie ein Überraschungserfolg. Das Musical parodierte die seinerzeit so beliebten „Sandalenfilme“ der Marke „Quo vadis“. Sondheim verlieh seinem ersten eigenen Werk neben einer Menge Ohrwürmer jenen unverwechselbaren
musikalischen Tonfall, der fortan seine Musicals wie „Company“ oder „Sweeney Todd“ prägen sollte. Weiteres Highlight im Musiktheater: „The
Black Rider“ (Premiere am 12.9.20), der aus der letzten Saison nachgeholt wird. Mit großer Lust am Schaurig-Schönen gehen Rocklegende Tom Waits, Beat-Generation-Autor William S. Burroughs und Starregisseur Robert Wilson in ihrem 1990 entstandenen Gemeinschaftswerk dem Modernen und Absurden der dämonischen Gruselgeschichte des „Freischütz“ nach.

Manches verschieben wir in der Hoffnung, dass im nächsten Jahr wieder größere Besetzungen möglich sind.

Nur wenige der ursprünglich geplanten Stücke, insbesondere mit großer Orchesterbesetzung, mussten ausgetauscht werden. „Die vorgegebenen Abstandsregeln im Orchestergraben einzuhalten, ist aussichtslos“, erklärt der Intendant. Statt Mozarts „Entführung aus dem Serail“ und Brittens „Sommernachtstraum“ erklingen daher etwa die Uraufführung „Dunkel
ist die Nacht, Rigoletto“ (Premiere am 3.10.20) nach Verdi, Shakespeare und Hugo sowie Händels Barock-Oper „Tamerlano“ (Premiere am 5.12.20). Noch ohne festen Termin sind unter anderem Puccinis „La Bohème“ (April 21) und Bernsteins „A Quiet Place“ (Juni 21). „Manches verschieben wir in der Hoffnung, dass im nächsten Jahr wieder größere Besetzungen möglich sind“, erklärt Michael Heicks. So gilt für das Musiktheater und alle anderen Sparten auch: Der Spielplan wird fortlaufend an die jeweils gültigen Rahmenbedingungen angepasst.

Michael Heicks, Ilona Hannemann, Martin Beyer

SCHAUSPIEL

Ganz wie geplant startet zunächst das Schauspiel mit zwei Uraufführungen in die Saison. „Blackbird“ (Premiere am 5.9.20), das Romandebüt des bekannten Schauspielers Matthias Brandt, vereint derbe Komik mit zarter Melancholie und eroberte damit die Bestsellerlisten. Die Geschichte einer Jugend in der tristen Einfamilienhausidylle einer westdeutschen Kleinstadt taucht tief ein in das pubertäre Wechselbad der Gefühle, ist in einem Moment zum Kaputtlachen, im nächsten zum Tränenverdrücken. Der Schweizer Autor, Hörspielmacher und Bassist Dominik Busch hat dagegen mit poetisch-musikalischer Sprachkraft ein Mosaik verschiedener Lebenswelten geschaffen, die allesamt instabil sind. „Deinen Platz in der Welt“ feiert am 6. September Premiere. „Ein Stück wie ‚Hase, Hase‘ mussten wir dagegen austauschen“, so Michael Heicks, „denn es lebt davon, dass alle immer nah zusammensitzen und kuscheln.“ Stattdessen kommt ab Januar 21 Kleists „Amphitryon“ auf die Bühne. Weitere geplante Termine im Schauspiel sind „Frankenstein“ nach Mary Shelley (Premiere im November20), das Weihnachtsmärchen „Der Räuber Hotzenplotz“ (14.11.20), Klaus Manns „Mephisto“ (Premiere im Januar 21) sowie Shakespeares „Der Sturm“ (Premiere im April 21). Aus der letzten Spielzeit wieder aufgenommen werden unter anderem „Demian“ und „How to date a feminist“

TANZ

Im Tanztheater weicht die mit großem Orchester geplante Produktion „Moby Dick“ der Uraufführung „Im Rausch“ (24.10.20). Zu der treibenden Komposition des Drummers Marc Lohr entwickelt die Choreographie von Simone Sandroni ihre eigene Dynamik und wird so zu einem Ventil für aufgestaute Energien. Außerdem ist das Tanz-Ensemble an den spartenübergreifenden Produktionen „The Black Rider“ sowie „Tamerlano“ beteiligt. Und für den 6.2.21 ist die Uraufführung „Anima Obscura“ geplant, bei der der Tanz digitale Welten erforscht. Insgesamt wird es in der nächsten Spielzeit 22 statt der geplanten 30 Neuproduktionen geben. Davon aber jeweils mehr Vorstellungen, um trotz verringerter Sitzplatzanzahl möglichst viele Menschen zu erreichen. Der Gesundheitsschutz erfordert nämlich (Stand September 2020), dass jede zweite Reihe und jeweils ein Platz zwischen nicht zusammengehörenden ZuschauerInnen frei bleibt.

KONZERTSAISON

Das gilt auch für die Rudolf-Oetker-Halle, wo die Bielefelder Philharmoniker ebenfalls vor einer ungewohnten Saison stehen. „Wir treten normalerweise im großen Kollektiv auf“, so Konzerthausdirektor Martin Beyer. „Das macht die Organisation komplexer, aber dem stellen wir uns gern, um wieder vor Publikum spielen zu können.“ Die Lösung – zumindest für den Start in die Saison: „Die ersten drei Symphoniekonzerte setzen auf eine kleine Orchesterbesetzung. Das gibt uns die Gelegenheit, die eigenen Musiker als Solisten in den Vordergrund zu stellen.“ Die Spielzeit startet am 9. & 11. Oktober mit Wagners „Siegfried-Idyll“ sowie Werken von Händel, Ravel und Haydn. Solistin ist die Harfenistin Sylvia Gottstein. Beim zweiten Symphoniekonzert (20. & 22.11.20) steht Johann Carl Christian Fischers Symphonie mit acht Pauken im Mittelpunkt. Also ein veritables Paukenkonzert aus Mozarts Zeit, der mit seiner 25. Symphonie auch gleich selbst zu Wort kommt. Eingeleitet wird das Konzert durch die Symphonie Nr. 1 D-Dur des bekanntesten Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel sowie den im Fin-de-siècle beliebten „Pelléas et Mélisande“-Stoff von Maurice Maeterlinck in der Lesart des großen fi nnischen Komponisten Jean Sibelius. Beim dritten Symphoniekonzert (11. & 13.12.20) stehen schließlich Bartóks Divertimento und Mozarts Serenade Nr. 10 B-Dur auf dem Programm. Die weiteren Konzerte sind zwar bereits terminiert, aber inhaltlich noch nicht festgelegt. „Wir können kurzfristiger auf Veränderungen reagieren als das Theater“, erklärt Martin Beyer, „und möchten uns die Freiheit lassen, spontan zu reagieren, falls wieder große Orchester auf die Bühne dürfen.“ Weniger problematisch sind daher die Kammerkonzerte, die am 28.9. mit dem TrioVanBeethoven in die Saison starten. Es folgen unter anderem das Ensemble Horizonte, Tenor Lorin Wey wird mit Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic am Klavier eine Schubertiade feiern und die Formation BI-Metall wird ein unterhaltsames Konzert geben.

Eine Besonderheit, auf die sich Martin Beyer schon sehr freut, steht ebenfalls fest. „Mit dem Jazzmusiker Magnus Lindgren haben wir erstmals einen Artist in Residence, der eine ganz andere Klangfarbe mitbringt.“ (Mehr dazu in unserem Interview mit Magnus Lindgren ab Seite 80.) Auch einige hochkarätige Eigenveranstaltungen in der Konzerthalle sind schon terminiert. So etwa die Auftritte der Akademie für Alte Musik Berlin (6.12.20) mit einem weihnachtlichen Programm, der Auftritt von Web Web in der Reihe „Jazz im Konzerthaus“ (4.2.21) sowie des Estnischen Philharmonischen Kammerchors (25.3.21), der bereits vor zwei Jahren das Publikum begeisterte.

Für alle Sparten gilt: Der Spiel- und der Konzertplan werden fortlaufend an die jeweils gültigen Rahmenbedingungen angepasst; weitere Produktionen und Projekte sind in Planung. Aktuelle Infos gibt es im Netz.

www.theater-bielefeld.de / www.bielefelder-philharmoniker.de / www.rudolf-oetker-halle.de

Fotos: Identity Group_Christian R. Schulz, Sarah Jonek, Joseph Ruben

Text: Stefanie Gomoll

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