Weltenzeichnerinnen
Zwischen Pinselstrich und Fantasie
Ein Pinselstrich, prägnante Linien und Farbe – so kann eine ganze Welt auf einem Blatt Papier oder einer Hausfassade entstehen. Illustrationen erzählen Geschichten, bevor das erste Wort gelesen ist, machen Städte bunter, verleihen Büchern ein Gesicht und machen Gedanken sichtbar. Sie können berühren, zum Lachen bringen oder lange nachhallen. Drei Bielefelder Illustratorinnen zeigen, wie aus Farbe und Fantasie Bilder entstehen, die uns einladen, die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Brigitte Kuka / Geschichten zeichnen
„Ich wollte nicht einfach irgendwas zeichnen, sondern Demokratie fördern“, sagt Brigitte Kuka. Im neuen Bielefelder Wimmelbuch stecken deshalb weit mehr als bekannte Orte und liebevoll gezeichnete Details. Die Bielefelder Illustratorin erzählt mit ihren Bildern Geschichten – über Menschen, Vielfalt und das, was ihre Heimatstadt unverwechselbar macht

Bevor Brigitte Kuka mit dem Zeichnen beginnt, schaut sie genau hin. Sie beobachtet Menschen, sammelt Eindrücke, fotografiert besondere Situationen oder hält Ideen in ihrem Skizzenbuch oder Handy fest. „Ich bin schon immer eine aufmerksame Beobachterin“, erzählt sie. Aus diesen Momenten entstehen später Figuren, kleine Szenen und Geschichten. Illustration beginnt für sie deshalb lange vor dem ersten Strich.
Diese Arbeitsweise prägt auch das neue Bielefelder Wimmelbuch, das sie für den tpk-Verlag gestaltet hat. Zwölf Jahre nach dem ersten Band zeigt sie, was sich in Bielefeld verändert hat, was Bestand hat und was Bielefeld ausmacht. „Ich wollte das natürlich aus meiner persönlichen Sicht interpretieren und vor allem das Typische zeigen, was Bielefeld von anderen Städten unterscheidet“, erklärt Brigitte Kuka. Im Mittelpunkt standen für sie dabei nicht allein Sparrenburg, Jahnplatz oder Tierpark Olderdissen. „In Bielefeld finde ich gerade die Unterschiedlichkeit und Diversität wichtig“, sagt sie. Menschen verschiedener Generationen, Hautfarben und Religionen begegnen sich ebenso selbstverständlich wie Menschen mit Behinderung. Bethel ist ein wesentlicher Teil Bielefelds und auch die in der Stadt gelebte Demonstrationskultur ist für sie außergewöhnlich. „Ich wollte nicht nur irgendwas zeichnen, sondern– im Rahmen meiner Möglichkeiten – Demokratie zeigen und fördern.“ Deshalb demonstrieren auf dem Jahnplatz Menschen gegen Rassismus und für Klimaschutz. Gleich daneben sorgt ein Schild mit der Aufschrift „Mehr Pudding!“ für ein Augenzwinkern – schließlich ist Bielefeld nicht umsonst „Puddingtown“.

Wer genau hinschaut, entdeckt auf jeder Seite kleine Geschichten. Hannes Wader, Ingolf Lück und Abdelkarim haben ebenso ihren Platz gefunden wie Katrin und Fred Gehring, die ehemaligen Gastronomen der Tram auf dem Siggi, oder die lokale Band Beckhaus Boys. Auch auf dem Kesselbrink und der Sparrenburg hat Brigitte Kuka Bielefelder entdeckt, die zu Figuren im Wimmelbuch wurden: Stadtgärtner, die Falknerin auf der Sparrenburg oder der Tomatenverkäufer vom Markt. „Bielefeld ist bunt“, sagt sie. Sogar ihre eigene Familie blickt vom Balkon eines Hauses am Siggi auf das bunte Treiben. „Schließlich haben wir mal am Siggi gewohnt“, wie sie erzählt.
Dass ihre Wimmelbücher so lebendig wirken, ist kein Zufall. „Ein gutes Wimmelbild braucht eine dynamische und spannende Komposition“, erklärt die Illustratorin, deren Alltag neben dem Zeichnen aus Organisation, Kommunikation und Recherche besteht. Freiflächen wechseln sich mit dichten Szenen ab, Figuren unterscheiden sich in Mimik und Gestik und überall passiert etwas. „Dann finden sich Gesprächsanlässe, wenn man sich das Wimmelbuch mit Kindern anschaut.“ Auch die Farben setzt sie bewusst ein. Es geht darum, welche Farben spannend sind und sich gegenseitig steigern. „Und beim tpk-Verlag genieße ich dazu die Freiheit, selbst zu recherchieren und meine persönliche Sichtweise auf eine Stadt darzustellen“, erklärt die 58-Jährige.

Gezeichnet hat Brigitte Kuka schon als Kind. Nach ihrem Grafikdesign-Studium in Bielefeld arbeitete sie zunächst als Illustratorin, Grafikerin und freie Künstlerin. 2009 entschied sie sich, sich ganz auf Illustration zu konzentrieren. Heute sind die Städte-Wimmelbücher ihr Spezialgebiet. Dass ihre Bücher inzwischen in vielen Kinderzimmern liegen und teilweise sogar ins Ausland verschickt werden, freut sie besonders. Ob Wimmelbuch, Magazinillustration oder Erklärfilm – hinter jedem Auftrag verbirgt sich eine neue Welt. Für das Ludwigshafener Wimmelbuch besuchte sie das größte Chemieunternehmen der Welt, für andere Projekte beschäftigte sie sich mit der Jugendhilfe Bethel, interreligiösem Lernen oder der Denkmalvermittlung. „Diese Verschiedenartigkeit und die Möglichkeit, in ganz unterschiedliche Bereiche tief hineinzuschauen, begeistern mich“, sagt sie. Besonders gerne illustriert sie Magazine. „Da bekomme ich ein Thema – beispielsweise für das Bolzplatz-Magazin – und kann ganz frei überlegen, wie ich es umsetze und kommuniziere“, erzählt die Hobby-Fußballerin, die bei den Golden Girls in Schildesche kickt.
Ihre Arbeitsweise hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Angefangen hat Brigitte Kuka ganz klassisch mit Bleistift auf Papier – so entstehen bis heute ihre ersten Skizzen. „Ich komme ja vom Analogen“, sagt sie. Inzwischen gehören digitale Werkzeuge selbstverständlich dazu. „Ich finde es superspannend, die Vorteile des Digitalen hinzuzufügen.“ Aktuell arbeitet sie gleich an zwei neuen Projekten. Zum 500-jährigen Jubiläum der Universität Marburg entsteht ein Wimmelbuch, das durch fünf Jahrhunderte Universitätsgeschichte führt – von der Gründung im Jahr 1527 über die Zeit der Brüder Grimm und Bettina von Arnim bis heute. Anders als ihre bisherigen Wimmelbücher wird dieses Buch Graphic-Novel-inspiriert illustriert. „Das wird thematisch sehr spannend“, sagt sie.
Was sie sonst noch reizen würde? „Mich würde ein Sachbuch interessieren, das wichtige Themen vermittelt – Demokratieförderung, Umweltschutz oder Wissensvermittlung über andere Kulturen sind meins“, sagt sie. Denn ihre Illustrationen laden nicht nur zum Entdecken ein. Sie erzählen Geschichten, machen Zusammenhänge sichtbar und regen dazu an, genauer hinzuschauen.
Petra Breuer / Ideen in jeder Größenordnung
Ideen in jeder Größenordnung
Wahrscheinlich ist jeder Bielefelder schon einmal einem Kunstwerk von Petra Breuer begegnet. Wer im Aquawede seine Bahnen zieht, entdeckt an den Wänden einen Schwimmmeister auf der Sparrenburg. Wer durch die Stadt spaziert, kommt an Wohnhäusern vorbei, deren Fassaden ihre Handschrift tragen. Petra Breuer gestaltet Räume, erzählt Geschichten auf Wänden und macht selbst weiße Fliesenflächen zu kleinen Entdeckungsreisen. „In Espelkamp habe ich die halbe Stadt bunt gemacht“, sagt sie lachend. Tatsächlich reichen ihre großformatigen Arbeiten längst weit über Ostwestfalen hinaus – bis nach Bonn, Dortmund und viele weitere Städte.

Dabei begann ihre berufliche Laufbahn ganz anders. Petra Breuer arbeitete als Krankenschwester in der Anästhesie und Intensivmedizin, absolvierte Weiterbildungen und hospitierte sogar in den USA. Doch mit Mitte dreißig wurde ihr eines klar: „Ich war zu jung, um fertig zu sein.“ Sie wagte den Neuanfang, bestand die Aufnahmeprüfung für Grafik- und Kommunikationsdesign und erfüllte sich einen lang gehegten Traum. „Das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte“, sagt sie rückblickend. In ihrer Masterarbeit brachte sie beide Welten zusammen und entwickelte ein liebevoll illustriertes Buch über visuelle Kommunikation für Menschen mit Demenz. Dafür recherchierte sie intensiv und suchte nach Möglichkeiten, Erinnerungen durch vertraute Bilder zu unterstützen.
Der entscheidende Schub in die Selbstständigkeit kam durch die Bielefelder Wohnungsgesellschaft BGW. Während des Masterstudiums entstanden die ersten Fassadengestaltungen – zunächst eher nebenbei. Doch aus einem Projekt wurden viele. Fast alle großen Fassaden der BGW tragen heute ihre Handschrift. Aus den Kontakten zu verschiedenen Wohnungsgesellschaften bundesweit entwickelte sich später auch die Mieterfibel „Hallo Nachbar“ – eine gezeichnete Hausordnung, die mit Humor Themen wie Rücksichtnahme, Ruhezeiten oder das Grillen auf dem Balkon vermittelt. Für jede Gesellschaft wird sie individuell angepasst. „Das Gute ist: Ich habe immer eine Idee“, sagt die Illustratorin und lacht.

Frei gestalten
Ob Mental Load, das Bielefelder Modell, ein Hitzeleporello, Geschenkpapier mit Bielefeld- oder Fahrradmotiven, Kartenspiele, Puzzle oder Leitsysteme für Gebäude – kaum ein Thema scheint im besten Sinne vor ihr sicher zu sein. „Was ich tue, ist angewandtes Design“, sagt sie. Oft sagen ihre Auftraggeber: „Machen Sie mal.“ Und genau das schätzt Petra Breuer. „Ich habe ganz großes Glück, dass ich meist sehr frei arbeiten darf.“ In ihrer Arbeit kann sie sich so verlieren, dass sie häufig nicht merkt, wie die Zeit vergeht. Stillstand kennt sie nicht. Privat zeichnet sie Rezepte oder ist mit ihrem Skizzenbuch draußen in der Natur unterwegs. Gleichzeitig beschäftigt sie sich intensiv mit Motion Design und Künstlicher Intelligenz. Nicht, um sich ersetzen zu lassen, sondern um ihre Zeichnungen in Bewegung zu versetzen. „Ich überlege und probiere aus, an welchen Stellen ich KI so nutzen kann, dass sie meine Kreativität unterstützt.“

Besonders gern arbeitet sie mit Kindern und Jugendlichen, zuletzt in einer Workshop-Reihe im Quartier Baumheide. Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Stärke: Petra Breuer denkt nicht in Formaten. Für sie macht es keinen Unterschied, ob sie eine riesige Hausfassade gestaltet, ein Leitsystem entwickelt oder eine kleine Illustration zeichnet. Entscheidend ist die Idee. Sie lebt in einem Haus, dessen Fassade sie selbst entworfen hat. Passender könnte ein Zuhause für jemanden kaum sein, der die Welt mit jeder neuen Idee ein wenig bunter macht.
Vera Brüggemann / Kunst ist Kommunikation
Wenn es eine Frage gibt, die viele bildende Künstler*innen nicht so gerne hören, dann ist es die, was ihren individuellen Stil ausmacht. „Das können andere besser beurteilen“, findet auch Vera Brüggemann. „Es ist schwer, das selbst in Worte zu fassen.“ Sie versucht es dann doch.

„Rein vom Zeichenstil her gehe ich von der Linie aus. Ich arbeite eher reduziert und konzentriere mich auf das, worum es geht. Ich habe keine Lust, alles vollzuzeichnen. Das entspricht meiner Persönlichkeit: geradeaus, präzise, klare Worte. So sind auch meine Zeichnungen, die zudem gern etwas Humoriges haben“, verrät die Illustratorin. Außerdem besteht sie darauf, von Hand zu zeichnen. Zumindest die Outlines, fürs Kolorieren nutzt sie den Rechner. „Ob Tusche oder Bleistift, alles fühlt sich verschieden an und riecht auch anders“, unterstreicht die Wahl-Bielefelderin. Einen Unterschied macht es zudem, ob sie als Künstlerin oder Illustratorin arbeitet. „Es gibt eine grundsätzliche Verwandtschaft, aber das eine entsteht aus sich selbst heraus, das andere reagiert auf inhaltliche Vorgaben. Mein Illustrieren ist ein Kommentieren. Wenn ich Texte bekomme, bilde ich die nicht einfach ab, manchmal widerspreche ich sogar.“ Generell arbeitet Vera Brüggemann viel für Verlage und Kulturinstitutionen – in Bielefeld etwas Kunsthalle und Kulturamt – und weniger für Kommerz. Sie mag Arbeiten, die ihr Freiraum lassen. So wie die Broschüre, die sie letztes Jahr für den Ethikrat illustriert hat. „Dazu habe ich Interviews mit Ehrenamtlichen geführt und daraus kleine Comic-Geschichten entwickelt“, erzählt die Illustratorin.

Obwohl ihre Arbeiten unter anderem in Büchern, Spielen, Zeitschriften, auf Webseiten, Plakaten, Geschenkpapier und in Ausstellungen zu finden sind, kann sich Vera Brüggemann, wie viele ihrer Kolleg*innen, nicht rein übers Illustrieren finanzieren, sondern unterrichtet parallel an Schulen und der Uni. Inwieweit die KI ihren Job verändern wird, ist für sie noch nicht absehbar. „KI-generierte Zeichnungen haben nicht die Persönlichkeit wie das, was ich zeichne“, unterstreicht sie. „Einen Blick über den Tellerrand werfen, neue Aspekte einbringen, das kann keine KI. Alles, wo kreatives Denken und eine Haltung dazugehören, wird weiter von Menschen gemacht. Aber es gibt auch vieles, was so runtergearbeitet wird. Da ist KI vielleicht gar nicht so schlecht. Allerdings fallen Brotjobs weg.“
Als sie selbst zu zeichnen begann, war an Konkurrenz durch KI jedenfalls noch nicht zu denken. „Immer, wenn ich gefragt werde, seit wann ich zeichne, sage ich: Ich habe nie aufgehört“, sagt Vera Brüggemann. Fast alle Kinder malen – und hören irgendwann damit auf. Sie nicht. Eine mögliche Erklärung liegt für sie in ihrer Familie. „Obwohl ich aus einer Arbeiterfamilie komme, gab es bei uns großen Respekt vor Kunst. Mein Vater hat neben seiner Arbeit in einer Gießerei Holzschnitzerei betrieben und meine Mutter hat gesungen. Es gab das Bewusstsein, dass künstlerisches Arbeiten ein wichtiger Teil des Lebens ist. Für mich war es so normal zu zeichnen, dass ich gar nicht darauf gekommen bin, das zu studieren“, lacht Vera Brüggemann. „Zeichnen konnte ich ja sowieso.“ Stattdessen ging sie vom heimatlichen Münsterland nach Bochum, um Slawistik und Geschichte zu studieren. Die Zwischenprüfung hat sie noch gemacht, aber während der Zeit hatte sie bereits Illustrationsjobs. „In den 80ern war es keine ungewöhnliche Biographie sein Studium nicht abzuschließen. Aber durch das geisteswissenschaftliche Studium habe ich gelernt, mit Inhalten umzugehen, das kommt mir als Illustratorin zugute.“

Nach dem Studienabbruch brauchte sie einen Ortswechsel – und landete in Bielefeld. „Das Ruhrgebiet war in den 80ern nicht so schön wie es jetzt ist. Hier gefiel mir die Nähe zum Wald und ich habe schnell nette Leute kennengelernt. Ostwestfalen sollen angeblich so verschlossen sein, aber ich habe die gegenteilige Erfahrung gemacht.“ Was vielleicht an ihrer eigenen kommunikativen Art liegt. „Kunst ist Kommunikation“, so Vera Brüggemann, die gerne mit anderen zusammenarbeitet und Mitglied bei Artists Unlimited ist. „Ich finde es wichtig, eine gute Kunstszene in der Stadt zu haben und habe Lust, mich dafür zu engagieren. Im Kollektiv kann man mehr schaffen als allein. Etwa den Abendspaziergang.“ Diese besondere Open-Air-Ausstellung mit Filmarbeiten, Installationen sowie Performances und Konzerten hat sie gemeinsam mit Christine Gensheimer konzipiert und zuletzt 2025 ausgerichtet. Fortsetzung, trotz des enormen Aufwands, nicht ausgeschlossen. Denn: „Das so etwas in Bielefeld geht, vieles durch bürgerschaftliches Engagement entsteht, ist wunderbar.“

Text: Stefanie Gomoll



