Vivi Vassileva

Wirbelwind

Schlagzeug kann laut sein. Muss es aber nicht. Wenn Vivi Vassileva auf der Bühne steht, erzählt Percussion Geschichten – mal voller Energie, mal überraschend zart, mal mit Instrumenten, die man eher im Wertstoffhof als im Konzertsaal vermuten würde.

Vivi Vassileva (Foto: Adriana Yankulova)

Die deutsch-bulgarische Musikerin gehört zur Generation von Künstlerinnen, die klassische Musik neu denken, Grenzen verschieben und damit ein Publikum erreichen, das weit über die traditionelle Klassikszene hinausreicht. Vor allem aber zählt sie zu den spannendsten Percussionistinnen ihrer Generation. Musik bestimmte ihren Alltag von Anfang an: Die Mutter war Pianistin, der Vater Geiger bei den Hofer Symphonikern. Entsprechend begann auch ihre musikalische Laufbahn zunächst mit der Geige. Unterricht erhielt sie von ihrem Vater – bis ein Sommerurlaub in Bulgarien alles veränderte.

Am Strand von Karadere an der Schwarzmeerküste hörte sie – gerade acht Jahre alt – eine Gruppe von Musikern traditionelle Balkanrhythmen auf Handtrommeln spielen. Die Energie, die Ursprünglichkeit und die Farben dieser Musik faszinierten sie. Aus der Geigenschülerin wurde – nach einiger Überzeugungsarbeit – schließlich eine Schlagzeugerin. Genau diese Verbindung aus klassischer Ausbildung und folkloristischen Einflüssen prägt ihr künstlerisches Schaffen bis heute.

Mit zehn Jahren begann ihre Schlagzeugausbildung bei Claudio Estay. Nach dem Gewinn des ersten Preises beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert wurde sie als jüngstes Mitglied ins Bundesjugendorchester aufgenommen. Bereits mit 16 Jahren studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater München bei Peter Sadlo und Raymond Curfs, heute vertieft sie ihre Ausbildung am Mozarteum Salzburg als Meisterschülerin von Martin Grubinger. Auszeichnungen wie der Bayerische Kunstförderpreis oder der Leonard Bernstein Award des Schleswig-Holstein Musik Festivals unterstreichen ihren außergewöhnlichen Weg. Längst gastiert Vivi Vassileva auf den großen Konzertpodien Europas. Sie tritt regelmäßig mit Kian Soltani, Frank Dupree, Pablo Barragán und dem brasilianischen Gitarristen Lucas Campara Diniz sowie mit ihrem selbst gegründeten Extasi Ensemble auf. Ob Berliner Philharmonie, Elbphilharmonie Hamburg, Salzburger Festspiele oder Schleswig-Holstein Musik Festival – überall entstehen Programme, die klassische Konzertformate neu denken.

Vivi Vassileva (Foto: Adriana Yankulova)

„Schlagzeug ist das Instrument des 21. Jahrhunderts“, sagt Vivi Vassileva. Ein Satz, der ihre künstlerische Haltung treffend beschreibt. Kaum ein anderes Instrument vereint Einflüsse aus so vielen Kulturen. Genau diese Offenheit fasziniert sie. Ihre Programme führen musikalisch um die Welt – von bulgarischer Folklore über zeitgenössische Kompositionen bis hin zu Bach, der im Duo mit Lucas Campara Diniz plötzlich fast nach Bossa Nova klingt. Stilgrenzen interessieren sie dabei wenig. Entscheidend ist, ob Musik Menschen berührt. Dass sie regelmäßig Werke uraufführt, versteht sie als Privileg. Rund 85 Prozent ihres Repertoires stammen aus dem 21. Jahrhundert, viele Kompositionen entstehen eigens für sie. „Wir sind eigentlich Pioniere. Wir schreiben Geschichte mit. Das ist so aufregend“, erklärt sie im Gespräch mit Jannick Scherrer vom Tonhalle-Orchester Zürich. Tatsächlich erweitert sie mit jedem neuen Werk den Klangkosmos der Percussion.

Besonders deutlich wird dieser Anspruch im „Recycling Concerto“, das sie gemeinsam mit Komponist Gregor A. Mayrhofer entwickelt hat. Plastikflaschen, Glasbehälter oder recycelte Materialien werden darin zu Konzertinstrumenten. Was zunächst ungewöhnlich klingt, verfolgt eine klare Botschaft: Kunst kann Menschen sensibilisieren und zum Umdenken anregen. Nachhaltigkeit ist für Vivi Vassileva deshalb Teil ihrer künstlerischen Haltung. Selbst die Einspielung des Werkes erschien auf einer Schallplatte aus recyceltem Meeresplastik – ein weltweit einzigartiges Projekt. Für sie geht es weniger um den erhobenen Zeigefinger als um die kreative Kraft der Musik: Wenn aus vermeintlichem Müll faszinierende Klänge entstehen können, lassen sich auch gesellschaftliche Herausforderungen mit Kreativität lösen.

Vivi Vassileva (Foto: Adriana Yankulova)

Wer Percussion ausschließlich mit Rhythmus verbindet, unterschätzt den körperlichen Aufwand. Ein Konzerttag beginnt lange vor dem ersten Ton: Instrumente transportieren, aufbauen, stimmen, wieder abbauen – jedes Programm verlangt eine andere Klangwelt. Trotzdem wirkt Vivi Vassileva auf der Bühne mitreißend leicht. Ihre Auftritte erinnern an eine Mischung aus Konzert und Choreografie – athletisch, hochkonzentriert und voller Spielfreude. Sie verbindet Präzision mit Neugier. Perfektion ist für sie nie Selbstzweck. Musik soll berühren, überraschen und Menschen zusammenbringen. Wie eindrucksvoll ihr das gelingt, schreibt Florian Oberhummer in den Salzburger Nachrichten: „Die Meisterschülerin von Martin Grubinger entfachte einen Sturm an perkussiver Brillanz. Ihr Auftritt wurde frenetisch bejubelt.“

Neben ihrer internationalen Konzerttätigkeit gibt Vivi Vassileva ihre Erfahrungen längst an die nächste Generation weiter. Sie unterrichtet Studierende, gibt Workshops und besucht Schulen. Ihr Ziel ist es, Berührungsängste abzubauen und junge Menschen für klassische Musik zu begeistern. Sie verbindet klassische Tradition mit den Rhythmen der Welt, entwickelt neue Konzertformate, setzt sich für Nachhaltigkeit ein und schreibt mit jeder Uraufführung ein weiteres Kapitel der noch jungen Geschichte ihres Instruments. Wer sie jetzt auf der Bühne der Rudolf-Oetker-Halle erlebt, hört deshalb nicht einfach Schlagzeug. Vielmehr steht dort eine Musikerin, die Klang in Bewegung verwandelt – und beweist, dass Percussion längst im Zentrum der klassischen Musik des 21. Jahrhunderts angekommen ist.

21.3. 27, 18:00 ; Großer Saal der Rudolf-Oetker-Halle

Text: Corinna Bokermann, Fotos: Adriana Yankulova

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