Tanz-OWL
Eine Region tanzt
„Wir möchten Menschen aller Generationen für Tanz begeistern“, sagt Rebecca Egeling, Leiterin der Programmabteilung beim Kulturamt Bielefeld. Wenn beim Tanzfestival Bielefeld internationale Compagnien auf urbane Tanzstile wie Voguing treffen, sich der Kesselbrink beim Public Warm-up in eine offene Tanzfläche verwandelt und sich hunderte Menschen für Workshops anmelden, wird genau das sichtbar. Aufführungen erleben, selbst tanzen, Neues ausprobieren – für Tanz OWL gehören Rezeption und Partizipation untrennbar zusammen.

Seit 2008 arbeiten die Kulturämter der Städte Bielefeld, Detmold, Gütersloh, Herford, Minden und Paderborn im Netzwerk Tanz OWL zusammen. Ihr gemeinsames Ziel: den zeitgenössischen Tanz in Ostwestfalen-Lippe nachhaltig zu stärken. „Im Zentrum stehen die Teilhabe am Tanz und die künstlerische Vielfalt“, erklärt Rebecca Egeling. Jede Stadt bringt ihr eigenes Profil ein, gleichzeitig entsteht ein Austausch, von dem alle profitieren.
Das Netzwerk setzt bewusst auf zwei Säulen: Rezeption und Partizipation. Internationale Produktionen stehen neben Workshops, Community-Dance-Projekten und Mitmachangeboten. „Es gibt neben unterschiedlichen Performances eben auch verschiedene Möglichkeiten der Teilhabe“, unterstreicht Rebecca Egeling. Ziel ist es, möglichst viele Menschen für Tanz zu begeistern. Jede Stadt setzt dabei eigene Akzente. Das Tanzfestival Bielefeld holt internationale Ensembles auch mit urbanen Tanzformen in die Region und bietet eine Vielzahl an Workshops. Das Festival Bildstörung in Detmold bringt hochkarätigen zeitgenössischen Tanz in den öffentlichen Raum. „Wir möchten Aufführungen zeigen, die das Publikum hier sonst nie erleben würde“, sagt Sabine Kuhfuß, Co-Leiterin des KulturTeams der Stadt Detmold. Produktionen, die bei großen internationalen Festivals in Avignon, Berlin oder Paris zu sehen sind, gastieren so auch in Ostwestfalen-Lippe.
In Minden steht die kulturelle Bildung im Mittelpunkt. Tanzprojekte mit Schulen bringen jedes Jahr bis zu 130 SchülerInnen gemeinsam auf die Bühne. In Herford entwickelt das Community-Dance-Projekt Solomomento Choreografien mit Menschen zwischen 20 und 75 Jahren. Gütersloh richtet die Tanzkonferenz OWL aus und bringt TänzerInnen, ChoreografInnen und weitere Tanzschaffende der Region zusammen. Paderborn arbeitet eng mit Tanzstudios und Vereinen zusammen und entwickelt analog zu zeitgenössischen Produktionsweisen der freien Szene ortsspezifische Projekte. „Damit fördert Tanz OWL innovative Arbeitsmethoden im ländlichen Raum“, betont Rebecca Egeling.
Dass jede Stadt eigene Schwerpunkte setzt, versteht das Netzwerk ausdrücklich als Stärke. „Wir setzen genau an den unterschiedlichen Spezifika der Städte an“, betont Sabine Kuhfuß. Konkurrenz gibt es dabei nicht. „Wir ergänzen uns“, sagt Rebecca Egeling. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven ermöglichen es, Tanz in der Region aus vielen Blickwinkeln sichtbar zu machen. Wie niedrigschwellig Tanz sein kann, zeigt sich besonders im öffentlichen Raum. In Bielefeld wurde der Kesselbrink erstmals zur offenen Tanzfläche – eine Einladung, stehen zu bleiben, zuzuschauen oder spontan mitzumachen. Die Resonanz macht Mut, diese Idee weiterzudenken. Für das Tanzfestival 2027 überlegen die Verantwortlichen, die WorkshopleiterInnen bereits einen Tag früher anreisen zu lassen. Interessierte könnten dann kostenlos in unterschiedliche Workshops hineinschnuppern und ausprobieren, welcher Tanzstil ihnen liegt. „Jeder darf ausprobieren – und dann kann man überlegen: Will ich das machen oder nicht?“, sagt Rebecca Egeling. Auch Detmold setzt auf niedrigschwellige Formate. Bei „Detmold tanzt“ laden kostenfreie Workshops Menschen aller Altersgruppen ein, gemeinsam unterschiedliche Tanzstile kennenzulernen. „Wir merken, dass ein großes Bedürfnis da ist, miteinander zu tanzen und miteinander Dinge zu tun“, sagt Sabine Kuhfuß. Genau darum geht es: „Begeisterung für Tanz und kleine Funken überall zu setzen.“
Damit diese Ideen wachsen können, braucht es gemeinsame Strukturen. Aktuell fließen 100.000 Euro aus der Regionalen Kulturförderung des Landes NRW in Tanz OWL. Hinzu kommen Eigenmittel aller beteiligten Kommunen, sodass das Gesamtvolumen bei rund 400.000 Euro liegt. Die Förderung finanziert neben Veranstaltungen auch die Tanzkonferenz OWL, gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, Stipendien für TanzpädagogInnen sowie einen Förderpreis für neue Kooperationen. „Wir wollen das Schließen von Bündnissen fördern“, erklärt Rebecca Egeling. Für Sabine Kuhfuß ist Tanz OWL deshalb „ein Vorzeigeprojekt interkommunaler Zusammenarbeit“. Rebecca Egeling versteht das Netzwerk als langfristige kulturpolitische Aufgabe. „Die Teilhabe am Tanz steigert natürlich auch das Interesse an Aufführungen – und umgekehrt.“ Genau dieses Zusammenspiel aus Rezeption und Partizipation sorgt dafür, dass sich immer mehr Menschen in der Region für den zeitgenössischen Tanz begeistern.
Text + Fotos: Corinna Bokermann



