Stefan Mießeler

Für seine Recherchen geht der Bielefelder Autor, Regisseur und Performer gerne in die Tiefe – und wenn nötig auch an seine persönlichen Grenzen. „Vor ein paar Jahren habe ich ein Projekt mit älteren Menschen und ihren Hunden gemacht. Da stand ich bei einer Züchterin plötzlich allein mit vier Doggen im Raum, trotz meiner Angst vor Hunden.“

An dieses Erlebnis erinnert sich Stefan Mießeler mit einer Mischung aus Lachen und immer noch präsenter Panik. Nicht ganz so furchteinflößend, aber ebenso intensiv, waren andere Recherchen. Für sein Projekt über Retouren hat er in einem Kiosk gearbeitet, wo all die Pakete landen. Für die Produktion „Bull’s Eye“ ist er nach London gereist, um die authentische Atmosphäre der Darts WM zu spüren. Und wenn im November „All die schönen Pferde“ in Bielefeld Premiere feiert, dann steckt unter anderem die Inspiration durch einen Besuch der Berliner Rennbahn Hoppegarten dahinter.

Dass Stefan Mießeler auch das Publikum gerne mitten hinein ins Geschehen zieht, zeigt „True Romance“. In das Stück über Liebesbetrug im Internet sind Gespräche mit Opfern und Scammern eingeflossen. „Das Thema ist hart, wir nähern uns aber positiv und wertschätzend“, unterstreicht der Autor.

Über ein eigenes Handy mit einer App erhalten die Zuschauer*innen Liebesbotschaften und werden so emotional in die Handlung einbezogen. „Das Publikum kann nachvollziehen, wie ein Scam funktioniert. Die Komplimente wirken, obwohl alle wissen, dass sie nicht echt sind.“

In Bielefeld hat das Stück bereits Premiere gefeiert, jetzt ist es in Berlin unterwegs. Ohnehin die zweite Heimat von Stefan Mießeler. Während es ihn einst für die Liebe und das Studium der Anglistik und Medienwissenschaften nach Bielefeld gezogen hat, gibt er an der Berliner Universität der Künste Kurse zu Audiowalks und Immersiven Räumen. Dass „True Romance“ anschließend noch nach München weiterreist, passt zu dem Plan, seine Arbeiten zukünftig häufiger in mehreren Städten zu zeigen. „Es ist es eine tolle Erfahrung, auf Tour zu sein. Zum Reisen bin ich erst über das Theater gekommen.“

Das Theater hingegen hat Stefan Mießeler bereits früh begeistert. „Schon als Student habe ich angefangen, eigene Theaterprojekte zu machen und gemerkt: Das ist der Ort, wo ich hingehöre und wo so ein komischer Mensch wie ich gut aufgehoben ist“, scherzt der Regisseur. Seit 2013 arbeitet er in der freien Szene, 2017 kamen erste Förderungen und Einladungen zu Festivals dazu. Stefan Mießeler entwickelt Performances und Theaterarbeiten, die Sprechtheater mit immersiven Settings, Trash-Ästhetiken und dokumentarischem Material verschränken. Doch welcher Weg führt von der Darts WM zum Liebesbetrug? „Inhaltlich mag ich es, wenn es um das Menschsein geht. Darum, was uns als Menschen ausmacht“, so der Autor. Ob Liebe und Drama, Körper und Klasse: „Es gefällt mir, schwere Themen leicht und zugänglich zu machen. Mit Substanz, aber auch mit Freude und sehr poppig.“

Eine Welt, in die er dabei immer wieder eintaucht, ist die des Sports. „Ich glaube, dass Sportthemen für mich gut sind, weil ich selbst so unsportlich bin und automatisch Distanz dazu habe“, erklärt Stefan Mießeler lachend.

„Sport hat zudem Dramatik und man kann darüber aktuelle Diskurse sichtbar machen.“ So beschäftig sich etwa „Vollgas“ mit dem Optimierungswahn (nicht nur) in der Welt des Rennsports, „Bull’s Eye“ verhandelt Klassenfragen, und „Center Court“ setzt sich kritisch mit dem „weißen Sport” auseinander, der wie kein anderer für Exklusivität und Distinktion steht.

Jetzt geht es auf die Pferderennbahn. „All die schönen Pferde“ ist seine erste Zusammenarbeit mit dem Forum für Kreativität und Kommunikation. Im Mittelpunkt steht ein alt gewordener Jockey, der sein gesamtes Leben auf eine letzte Wette auf sich selbst gesetzt hat. „Das Forum hat jemanden aus Bielefeld gesucht, der eine eigene Handschrift hat“, so der Regisseur. „Die Anfrage hat mich super gefreut.“ Input hat er sich wie erwähnt im Hoppegarten geholt: „Als mich Freunde dorthin eingeladen haben, wusste ich sofort, dass ich ein Stück darüber machen will. Die Rennbahn spiegelt die Gesellschaft wider: Die Superreichen sitzen in der Loge und die Großfamilien machen Picknick auf der Wiese. Da zeigt sich die Menschheit in ihrer Komplexität.“ Dass auch die neue Produktion das Publikum einbezieht, versteht sich von selbst: „Die Zuschauer*innen“, verrät Stefan Mießeler, „können darauf wetten, wie das Stück ausgeht.“

www.stefan-miesseler.de

www.forum-info.de

Tipp: „All die schönen Pferde“ feiert am 27.11.2026 um 20:00 Uhr im Nr.z.P Premiere.

Weitere Termine: 28.11., 20:00 & 29.11., 18:00

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