Schöne Schurk:innen
Ja, ein paar Gauner, Gangster und Ganoven mischen sich auch darunter. Aber vor allem gehört die große Leinwand beim 36. Film+MusikFest den blonden Biestern und männerzerfleischenden Vamps. Warum, das verrät Christiane Heuwinkel von der Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau-Gesellschaft.

Was hat Euch an dem Thema gereizt?
Christiane Heuwinkel: Für unser Festivalteam ist es jedes Jahr ein großer Spaß, das Motto für das nächste FMF auszudenken. So gab es bei uns schon „Heimliche Helden“, „Große Verführer“, und „Diven und Dämonen“ zu entdecken. Und in diesem Jahr nun die „Schönen Schurk:innen“: Sobald wir eine erste Filmliste haben, überlegen wir, was das verbindende Element sein könnte. Und sobald wir dafür eine witzige, prägnante Kurzformel gefunden haben, inspiriert es uns für die weitere Filmrecherche. Nichtsdestotrotz machen wir uns nicht zu Sklaven unserer selbstgestellten Aufgabe. Möchten wir einen Film unbedingt zeigen, weil er z. B. in neuer Restaurierung zur Verfügung steht, eine tolle Filmmusik hat oder unserer Meinung nach einfach wiederentdeckt werden muss, nehmen wir ihn ins Programm – Motto hin oder her.

Was macht Schurk:innen für das Kino so interessant?
Christiane Heuwinkel: Wie ein Seismograph spürt das Kino gesellschaftliche Veränderungen und Erschütterungen auf, so zum Beispiel die um die Jahrhundertwende wachsende Sichtbarkeit von Frauen. Dabei denken wir an die britischen Suffragetten, an Weltreisende, die von ihren tollkühnen Abenteuern in den Wüsten Afrikas und Arabiens berichteten, an Automobilistinnen und Pilotinnen. Sie alle überschritten Grenzen – klar, dass irgendwann auch die moralisch-gesetzlichen Grenzen geschleift wurden. So wie uns immer der tragische, der beschädigte, auch der schurkische Held mehr interessiert als der moralisch keimfreie Liebling der Schwiegermütter, geht es auch seinem weiblichen Pendant, der Schurkin. Ihre Faszination erklärt sich neben dieser Transgression gesellschaftlicher Konventionen auch durch ihre physische Attraktion, ihre Sexiness. Das Kino funktioniert nicht nur als Welterklärungs-, sondern auch als Wunscherfüllungsmaschine.

Sind Frauen im Film auf andere Weise schurkisch als Männer?
Christiane Heuwinkel: So unterschiedlich die gesellschaftlichen Erwartungen an die beiden Geschlechter sind, so unterschiedlich sind auch ihre Strategien, diese zu brechen. So ist Roxie Hart in der Mediensatire „Chicago“ meiner Meinung nach ein Opfer, das zur Täterin wird. Ausgestattet mit nichts außer ihrer Cleverness, ihrem Sex-Appeal und einem unbeirrbaren Willen setzt die prekär Lebende an, sich den ihr ihrer Meinung nach zustehenden Anteil an Glück und Geld zu holen, koste es, was es wolle. Ist eine Frau jedoch in einer Position, die wir normalerweise eher Männern zuordnen, wie Pola Negri als russische Zarin, so verhält sie sich gleich: Sie ist gleichgültig bis grausam ihren Untertanen gegenüber, nimmt sich ihre Liebhaber nach Lust und Laune, verrät und verstößt sie, nimmt sich neue … Strategien, die uns häufig nur deshalb erstaunen, weil sie von Frauen vorgeführt werden, die uns bei Männern jedoch altbekannt sind. Aber: Wir gendern bewusst den Begriff „Schurk:innen“, denn es gibt natürlich auch männliche Exemplare dieser Gattung. Diese augenzwinkernde Reverenz an die Jetztzeit muss sein!

Auf welchen Film freust Du Dich ganz besonders?
Christiane Heuwinkel: Bitte frag’ niemals eine Mutter, welches ihr Lieblingskind ist … Am meisten freue ich mich auf den Spannungsmoment, wenn am Eröffnungsabend in der Rudolf-Oetker-Halle die Reden gehalten und die Instrumente gestimmt sind, wenn der Dirigent den Taktstock nimmt und das Licht ausgeht …
Programm im Überblick:
23.10.26, 20:00 Uhr, Rudolf-Oetker-Halle
The Man who came back
Regie: Emmett Flynn, USA 1924
Musik: Richard Siedhoff (Piano), Mykyta Sierov (Oboe), Frank Bockius (Percussion)
25.10.26, 17:00 Uhr, Rudolf-Oetker-Halle
Chicago
Regie: Frank Urson, USA 1927
Musik: Cinematografisches Orchester Axel Goldbeck
29.10.26, 20:00 Uhr, Lichtwerk
Dämon Weib
Regie: Fred Niblo, USA 1926
Musik: Daniel Kothenschulte, Klavier
31.10.26, 20:00 Uhr, Lichtwerk
The Unknown
Regie: Tod Browning, USA 1927
Musik: Daniel Kothenschulte, Klavier
1.11.26, 17:00 Uhr, Rudolf-Oetker-Halle
Forbidden Paradise
Regie: Ernst Lubitsch, UAA 1924
Musik: Metropolis Orchester Berlin, Dirigat Robert Israel
5.11.26, 20:00 Uhr, Lichtwerk
The Informer
Regie: Arthur Robinson, GB 1929
Musik: Stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest
6.11.26, 20.00 Uhr, Rudolf-Oetker-Halle
Tartüff
Regie: Friedrich Wilhelm Murnau, D 1925
Musik: Bielefelder Philharmoniker, Komposition und Dirigat: Bernd Wilden
8.11.26, 15:00 Uhr, Rudolf-Oetker-Halle
Kino für Kurze mit u. a. Charles Chaplin, Buster Keaton, Stan Laurel & Oliver Hardy
Musik: Knüspert & Kollegen
Interview: Stefanie Gomoll
Foto: deteringdesign



