DOPPEL SPITZE

NADJA LOSCHKY + MICHAEL HEICKS

SIE GEHEN DEN WEG ZU ZWEIT. „DIE VORFREUDE ‚PARTNER IN CRIME‘ ZU SEIN, IST GROSS. WIR WOLLEN GEMEINSAM ETWAS SCHAFFEN, WAS BEIM PUBLIKUM ZÜNDET“, SAGT NADJA LOSCHKY UND ERNTET VON MICHAEL HEICKS EIN ZUSTIMMENDES NICKEN. DAS EINGESPIELTE DUO STARTET JETZT ALS DOPPELSPITZE IN DIE NEUE SPIELZEIT 2023/24 UND SCHLÄGT DAMIT AUCH EIN NEUES KAPITEL BEIM THEATER- UND KONZERTBETRIEB BIELEFELD AUF. „FÜR MICH PERSÖNLICH IST DIESE DOPPELSPITZE AUCH ETWAS BESONDERES“, ERKLÄRT MICHAEL HEICKS. „ES GIBT ABER SO ETWAS WIE DEN BIELEFELDER WEG, DARAUF WERDEN WIR VON AUSSEN IMMER WIEDER ANGESPROCHEN. WIR ARBEITEN DARAN, THEATER, DAS SICH JA STÄNDIG ÄNDERT, ANDERS AUFZUSTELLEN.“

Kontinuität und Innovation hat sich die neue Doppelspitze auf die Fahnen geschrieben. Und zwar in jeder Hinsicht. „Wir wollen die Zuschauerinnen abholen und uns weg von der Spartenfixierung hin zu mehr Gesamterlebnis entwickeln“, unterstreicht Michael Heicks, der in diesem Kontext auf das Bielefelder Studio verweist. Ein weltweit einzigartiges spartenübergreifendes Konzept, in dem sich drei junge KünstlerInnen aus den Bereichen Gesang, Tanz und Schauspiel jeweils eine Spielzeit lang in allen Sparten weiterbilden und -entwickeln. So soll eine Grundlage dafür geschaffen werden, dass Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen sich in einzelnen Projekten ins Fachfremde begeben und sich als spartenübergreifende Performerinnen verstehen können. Zukünftig wird die Spartendurchlässigkeit weiter vorangetrieben und das Bielefelder Studio durch Komponistinnen, Autorinnen oder Medienkünstlerinnen noch breiter aufgestellt. „Es braucht eine größere Vielseitigkeit, eine größere Diversität“, betont Nadja Loschky. „Das heißt aber nicht, dass wir die Sparten an sich abschaffen wollen. Ganz im Gegenteil. Aber wir richten den Blick mehr auf das Ganze“, erklärt Michael Heicks, der bereits seit Anfang 2005 Intendant der Bühnen und Orchester Bielefeld ist und zur Spielzeit 2018/2019 zudem die Intendanz der Rudolf-Oetker-Halle übernahm. Bis 2025 leitet er das Haus gemeinsam mit Nadja Loschky und verabschiedet sich dann aus der Doppelspitze. Nadja Loschkys Vertrag läuft bis 2028.

In Bielefeld hat sich Nadja Loschky schon als junge Regisseurin gut aufgehoben gefühlt. „Hier werden Gespräche immer auf Augenhöhe, kollegial und respektvoll geführt“, blickt Nadja Loschky ihrer neuen Aufgabe erwartungsvoll wie gespannt entgegen. Die Regisseurin arbeitet bereits seit 2014 am Theater Bielefeld, dem sie seit 2017 als Hausregisseurin und seit 2019 als Künstlerische Leiterin des Musiktheaters angehört. „De facto wollte ich aber nie eine Festanstellung, da ich immer gerne freischaffend gearbeitet habe“, erklärt sie. Daher brauchte es – aller guten Erfahrungen in Bielefeld zum Trotz – Überredungskunst. So übernahm sie zunächst die Hausregie und später – als Operndirektorin Sabine Schweitzer ging – auch deren Posten. Ihr Zögern hatte Gründe. „Ich hatte Angst vor der Vorstellung, eine künstlerische Heimat zu wagen“, erinnert sich Nadja Loschky, die jedoch schnell merkte, wie viel Spaß ihr die Arbeit machte. „Selbst die Corona-Zeit, wenn auch herausfordernd, war eine inspirierende Zeit und hat ganz viele innovative neue Wege möglich gemacht.“

„Der Erfolg von heute zählt nichts, wenn man nicht an das Morgen gedacht hat“, stellt Michael Heicks mit Blick auf die Notwendigkeit zu Wandel und Veränderung fest. Das gilt auch für die Doppelspitze: „Wir kommen zu zweit mit dem Anspruch, uns neu zu erfinden. Vor allem aber wollen wir zukunftsorientiert agieren. Das heißt, man muss sich vergegenwärtigen, wo man steht und von dort ein Stück weit weiterdenken.“ Mitgestalten und langfristig in das Haus hineinwirken zu können, war und ist auch für Nadja Loschky Anspruch und Argument zugleich für ihr „Ja“ zur Intendanz. „Von außen könnte ich diese Prozesse nicht mitgestalten“, macht sie deutlich. 3.200 Plätze, 8 Bühnen, 3 Häuser und 360 Mitarbeitende – so liest sich die Verantwortung der Doppelspitze rein zahlenmäßig. „Als Doppelspitze teilen wir uns die Verantwortung und profitieren zudem von unseren unterschiedlichen Erfahrungsschätzen aus den Bereichen Musiktheater beziehungsweise Schauspiel“, so Michael Heicks. „Das ist perfekt für die spartenübergreifende Arbeit“, fügt Nadja Loschky hinzu. „Denn jeder von uns hat sein Expertentum.“ Der gute, über die Jahre gewachsene, und von intensiver Kommunikation geprägte Austausch zwischen Nadja Loschky und Michaels Heicks zahlt darüber hinaus positiv auf die gemeinsame Arbeit ein. Pläne für die Zukunft hat die neue Doppelspitze bereits. Einen ersten Einblick davon geben sie beim FEST! (26.8.2023) – einem Tag für die ganze Familie zum Saisonauftakt in die neue Spielzeit 2023/24. „Wir wünschen uns eine weitere Öffnung zur Stadtgesellschaft, wollen den Dialog mit dem Publikum und setzen auf Partizipation“, betont die neue Bielefelder Doppelspitze, die sich bei den Inszenierungen von der Frage leiten lässt „Was ist das Beste für die Umsetzung des Inhalts?“ „Das ist für uns der Maßstab aller Entscheidungen“, sagt Nadja Loschky. „Ein Beispiel dafür ist die Produktion Moby Dick. Es braucht für die Inszenierung die physische Kraft und das Babylon der Sprachen – die gibt’s in Form des Tanzensembles. Das gibt dem Inhalt mehr Weite und Vielschichtigkeit.“ Ein weiteres Beispiel für die Spartendurchlässigkeit ist die Familienoper „Doktor Bartolos Geheimnis oder in Sevilla sind die Mäuse los“ (Premiere: 23.12.23) im großen Haus. Michael Wilhelmi macht aus Gioachino Rossinis Material eine Opernerfahrung für 6- bis 99-Jährige. „Wer positive Erfahrungen sammelt, geht nämlich nicht länger nur in die Oper, ins Schauspiel oder zum Tanz. Man geht ja auch in unterschiedliche Museen. Ich glaube daran, dass der Mensch vielschichtiger ist in seinen Interessen. „Theater ist immer auch eine Reise, wohin die Route führt, ist die entscheidende Frage“, ergänzt Nadja Loschky.

Text: Corinna Bokermann
Foto: Joseph Ruben

JOCHEN VAHLE


Zu Beginn des Lockdowns im März 2020 hatten sich zwei Mütter an den Sänger der Bielefelder Kinderrockband Randale gewandt, ob er ihren Kindern, die ja nun die ganze Zeit zu Hause wären, nicht ein Geburtstagsständchen per Telefon singen könnte. Gesagt, getan.

Kreative Hood


Für Konzert-Freunde und Party-Menschen hat sich zwischen Bielefelder Westen und Hauptbahnhof in den vergangenen Jahren eine höchst spannende Szene entwickelt.

Anders als geplant


Theater und Konzerte leben von Begegnungen. Von Nähe und Austausch – auf der Bühne, im Orchestergraben und mit dem Publikum. Eigentlich das pure Gegenteil von Social Distancing. Dennoch ist es dem Theater und den Philharmonikern gelungen, eine Corona-kompatible Spielzeit zu planen.

Magnus Lindgren


In Bielefeld wurde er in den letzten Jahren zur Schlüsselfigur aufsehenerregender Jazzkonzerte, in denen die Bielefelder Philharmoniker auf Till Brönner, Max Herre und Take 6 trafen. Wenn er in diesem Herbst in der Rudolf-Oetker-Halle auftritt, ist Magnus Lindgren erstmals als Artist in Residence zu hören.